Einleitung

Wer das Buch [psi] verstehen will, der soll zunächst zur Erkenntnis gelangen, dass er allein von der nackten Wahrheit geführt wird.

Keine Gestalt, kein Ereignis und keine Geschichte ist erfunden – es handelt sich vielmehr um einen anderen Zusammenhang zwischen der Wahrheit selbst und ihrer Darstellung.

Symbolisch ist schon der Buchtitel [psi] selbst – Eros in der Form dieses griechischen Buchstabens. Eros bedeutet im Altgriechischen Liebe, aber auch Erkenntnis, Leidenschaft und Sehnsucht, während [psi] die Psychologie, eine Lehre von der Vernunft des Menschen bedeutet und dazu auch einen besonderen nummerischen Wert (700) hat.

Noch bevor sich der Leser in die von Eros besuchten Welten begibt, durchschreitet er ein Tor, an dem er einige Hinweise zur Fortsetzung seiner Reise erhält. Dieses Tor bildet den Übergang von der dem Leser bekannten und verständlichen modernen Welt aus, der Welt also, in der die Ratio zur Herrschaft gelangt ist. So wie keine der Welten gerecht ist, über die nur einer der drei Verstände herrscht, ist auch die Welt der Ratio ungerecht, denn die meisten Menschen sind in dieser Welt nicht in der Lage, sich selbst anzunehmen. Die Mechanismen, deren sich die Verstände bei ihrer Machtausübung bedienen, sind unsichtbar und dem Menschen unbegreiflich, obwohl jeder von uns sehr deutlich die Kraft ihrer Wirkung zu spüren bekommt. Je stärker die Macht eines der Verstände ist, desto stärker ist auch der Einfluss der von diesem Verstand aufgedrängten Werte und desto größer wird auch die Anzahl der Menschen, die unter diesen Umständen nicht in der Lage sind, ihre eigene Welt anzunehmen. Die menschliche Gesellschaft wird angesichts eines solchen Zustandes stets an den Rand ihrer Möglichkeiten getrieben, wobei der sich daraus ergebende Zusammenbruch nichts anderes als ein Chaos zur Folge hat, in dem es nie einen Sieger gibt.

Die systematische und planende Welt der Ratio kommt schon im ersten Satz des Buches zum Ausdruck.

Sobald das Kind weinend auf die Welt gekommen ist, wird es bereits gemessen und seine Geburtsdaten werden sorgfältig ins Geburtsprotokoll eingetragen. Es wird dabei nur selten gemerkt, dass das Kind allezeit durch zahlreiche und seltsame Zufälle begleitet wird, die freilich keine Zufälle sind. Das Kind wird am siebten Tag des siebten Monats geboren, ist neunundvierzig Zentimeter groß (das Produkt der zweifachen Sieben) und wiegt drei Kilogramm und achthundertfünfzig Gramm oder die Hälfte von sieben Komma sieben Kilogramm.

Der aufmerksame Leser wird wohl die Anfangsbuchstaben der ersten fünf, durch eine Leerzeile getrennten Absätze miteinander verbinden (Slowenisch: SEDEM, Deutsch: SIEBEN; dies ließ sich in der Übersetzung nicht so wiedergeben) und auf diese Weise noch einen Zufall, der nicht zufällig war, entdecken.

Der Leser kann im Buch noch des Öfteren auf solche geheimen Aufzeichnungen stoßen. So findet zum Beispiel eine Botschaft, wer die Anfangsbuchstaben aller Welten miteinander verbindet (EROS DER TRÄUMTE) und diesen die Anfangsbuchstaben von drei Teilen der Einleitung (Slowenisch: SEM, Deutsch: ICH BIN; dies ließ sich in der Übersetzung nicht so wiedergeben) voranstellt. Zu einem Gedanken lassen sich auch ganze Wörter verbinden, mit denen die einzelnen Welten und das Schlusskapitel beginnen, aber dies ließ sich – so wie vieles anderes mehr – in die Übersetzung nicht entsprechend einbringen.

Eros Ankunft wird nicht nur durch die Zahl sieben und die einzelnen verborgenen Wortbedeutungen gekennzeichnet, sondern auch durch die Schlange, das verloren gegangene altertümliche Tierkreiszeichen. Eros Bruder Ares tauschte nämlich vor der Ankunft seines Bruders im Park einen Apfel eben für eine Schlange ein. Diese Symbolik findet ihre Anwendung in umgekehrter Reihenfolge nicht zufällig bereits in der alttestamentarischen Geschichte über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies.

Eros Kindheit ist alles andere als leicht, denn er wächst in der unmittelbaren Nähe seines in jeder Hinsicht stärkeren und ihm sogar feindlich gesinnten Bruders auf. Dadurch wird größtenteils auch seine geistige Entwicklung geprägt, und ohne Zufälle, in deren Hintergrund das LEBEN steht, wäre es ihm dabei überhaupt nicht gelungen zu überleben. Eros erkennt sehr bald, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte – er beobachtet Menschen, die mit aller Kraft nach dem Glück streben, was immer das in ihren Welten bedeuten mag, aber es gibt jedoch sehr wenige wirklich glückliche Menschen. Die Verliebtheit zaubert ihm für eine Weile ein Trugbild der Vollkommenheit herbei, aber die darauf folgende Enttäuschung verhilft ihm zur Entscheidung, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Dieser Teil des Buches ist leicht verständlich, denn jeder Leser kann ohne Hinsicht auf den Verstand, der bei ihm führend ist, mühelos der Geschichte folgen. Mit Eros Weggang werden die Dinge dagegen auf den ersten Blick unlogisch. Ares, der eine mittelalterliche Rüstung anlegt und auf einem Pferd seinem Bruder nachreitet, passt nicht in die Zeit, in der der Leser die Geschichte bisher verortet hat. Der Leser wird somit zum ersten Mal darauf hingewiesen, dass er im Zuge des weiteren Lesens die fest verankerten Vorstellungen und wohl auch die Kenntnisse, an die er sein Leben lang glaubte, aufzugeben habe, denn sie könnten doch auch auf falschen Grundlagen beruhen.

Eros gerät völlig nackt in die Welt aller Gedanken.

Der Verstand hat ihn nicht verlassen, wie es ein durch die Ratio schablonisierter Leser bei dieser Szene meinen möchte. Um zur Wahrheit zu gelangen, musste Eros alles loswerden, was die Wahrheit hätte verdecken können. Eros Kleidungstücke stellen seine Ansichten, seine Werte, seinen Glauben und seine Auffassung der modernen Gesellschaft dar. Erst ohne diese Lasten kann er zur Wahrheit gelangen.

Das LEBEN, der Verstand, von dem dieses Buch erschaffen wurde, tritt Eros in Form eines Sinnbilds entgegen, als streunender Hund.

Der Mensch ist durch seine Verstände verblendet und deswegen dumm, bildet sich aber trotzdem ein, er übertreffe durch seinen Intellekt bei Weitem alles andere. Er bildet sich sogar ein, über die Natur herrschen und sich alle anderen Lebewesen unterwerfen zu können. Aber das LEBEN ist dagegen das Eine, und alles Lebendige bildet einen Teil dieses einzigartigen vielfältigen Systems. Nur wer in der Lage ist anzunehmen, dass auch ein streunender Hund, wenngleich nur als Sinnbild, weiser als die gesamte Menschheit sein kann, der ist in der Tat dazu fähig, die Botschaft des LEBENS zu begreifen.

Der Hund offenbart Eros das erste von sieben Geheimnissen – die von der Menschheit noch nicht begriffenen Grundlagen der Psychologie des Menschen. An dieser Stelle im Buch wird also die Grundlage geliefert, die zur weiteren erfolgreichen Untersuchung unseres Verstandes erforderlich ist. Eros erkennt die Macht dieses Wissens und, beeindruckt von dieser Erkenntnis, wird ihm bewusst, dass er dem LEBEN einen Gefallen schuldet.

Hier taucht nun die Frage auf, wer Eros überhaupt ist.

In weiterer Folge wird mehrmals angedeutet, dass Eros nur im Buch lebt, denn [psi] bildet seine Welt. Ins Leben wird er durch das Lesen dieses Buches gerufen – das Lesen bedeutet den Besuch seiner Welt, indem Eros durch dieses Lesen zugleich in die Welt des Lesers vordringt, und auf diese Weise fängt das Buch in Wirklichkeit an, den Leser selbst zu lesen.

Die Geschichten folgen einander nicht in einer chronologischen Reihenfolge, sondern überlagern sich zeitlich.

In der Einleitung gibt es eine Besonderheit, die nur in der slowenischen Sprache möglich ist. Das lässt sich nämlich ohne erhebliche Schäden für die jeweilige Fremdsprache in keine andere Sprache formgetreu übersetzen: Das LEBEN weist Eros auf Seite vierzig darauf hin, dass er auf die Zahlen drei, vier, sieben, zwölf, dreizehn und einundzwanzig achten soll. Jede dieser Zahlen hängt mit dem Schlüssel zur Wahrheit zusammen. Drei stellt die drei Verstände dar, bei vier handelt es sich um die vier grundlegende Gruppen der Verstände, die Zahl sieben hängt mit diesem Buch und Eros, der stets durch die zweifache Sieben begleitet wird, eng zusammen, zwölf stellt die zwölf menschlichen Charaktere dar und in einem weiteren Sinne auch die menschliche Gesellschaft, während die Zahl dreizehn den Charakter der ebenbürtigen Verstände, aber auch die Wahrheit selbst darstellt. Die letzte Zahl, einundzwanzig, ist die Summe der dreimaligen Sieben und stellt die Offenbarung dar. Alle vom LEBEN stammenden Sätze und Gedanken in diesem Buch setzen sich ausschließlich aus einer der oben bezeichneten Anzahlen von Wörtern zusammen. Es gibt somit keinen vom Hund oder später von Athanasius zur Zeit seiner Vereinigung mit dem LEBEN ausgesprochenen Satz, in dem es eine andere Anzahl von Wörtern gäbe. Dieser Schlüssel findet im Buch an vielen Stellen und mit einer ganz besonderen Bedeutung seine Anwendung.

Der dritte Teil der Einleitung, Seite siebenundvierzig, wurde fast zur Gänze nach dem Diktat des LEBENS erschaffen. Es handelt sich um einen Text mit unvorstellbar tiefem Hintergrund und einer äußerst wichtigen psychologischen Aufgabe. [psi] nimmt an dieser Stelle die Zügel der Verstände des Lesers in seine Hand, ohne dass es diesem zum Bewusstsein käme. Das Buch erkennt hier jene, die sich selbst annehmen, und jene, die sich selbst nicht annehmen, denn die letzteren finden diesen kurzen Textteil stark störend und Eros wegen seiner scheinbaren Selbstgefälligkeit sogar abstoßend. Keiner versteht wirklich gut, warum es dazu kommt. Es ist allerdings eine Tatsache, dass Leser, die sich selbst nicht annehmen, ganz anders durch die weiteren Kapitel des Buches geführt werden als solche, die sich selbst annehmen. Und darüber hinaus gibt es noch eine weitere Tatsache: Kaum jemandem, der das Buch zu Ende gelesen hat, wird sich dieser ablehnenden Wahrnehmung von Eros bewusst, denn die Reise durch [psi] wird auch dem, der sich selbst nicht annimmt, die Reinheit der Gedanken von Eros vermitteln, und er wird das nur schwer ablehnen können.

Wer [psi] begreift und wem es gelingt, alle Kulissen seiner eigenen Welt einzureißen, der entdeckt seine wahre, vollkommene Gestalt und erkennt so wie Eros eine Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen kann. Und eben das kann der Menschheit die Liebe zurückbringen, da die Wahrheit der Weg zu ihr ist.

Der Schluss der Einleitung schildert einen Höhepunkt des Liebens – einen vollkommenen Orgasmus, der von allen Lebewesen auf der Lichtung miterlebt wird. Sie alle wollen nämlich die Wahrheit des LEBENS berühren, die Wahrheit, die Eros unter sie bringt. Diese Schilderung ist natürlich nur ein Sinnbild der Anziehungskraft dieser Wahrheit. Wer das begreift, der erkennt, dass [psi] kein Märchen ist, sondern die nackte Wahrheit.

Die Erkenntnis der Wahrheit ist so bestechend, dass sich ihr keiner, auch Eros nicht, entziehen kann.

Wer glaubt, das Buch handle an dieser Stelle von körperlicher Anziehung und von Eros Selbstgefälligkeit, der hat die Tiefe der Einleitung zu diesem Buch nicht begriffen.