Erläuterungen

Die Erläuterungen zu den einzelnen Welten tragen zum tieferen Verständnis des Buches [psi] bei und sind den Lesern vorbehalten, die ein eigenes Buch besitzen, und darunter denen, die das Buch auch wirklich bis zu Ende gelesen haben.

Durch die einzelnen Erläuterungen zu den jeweiligen Welten werden Sie von Eros persönlich geführt – er wird Ihnen die Dinge zeigen, die Sie beim ersten Lesen vielleicht gar nicht bemerkt oder nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit behandelt haben. Er wird Ihnen dabei auch einige Geheimnisse verraten, aber keinesfalls alle, denn einige davon müssen Sie sich selbst aneignen.

Das Buch [psi] ist so beschaffen, dass es von jedem Leser ein wenig anders erfahren werden kann. Es gibt darin keine richtigen oder falschen Erklärungen, sondern nur verschiedene Ansichten, verschiedene Auffassungen, die zu einer gemeinsamen Wahrheit zusammengefasst sind. Aus eben diesem Grund ist es von großer Bedeutung, dass Ihre erste Begegnung mit dem Buch nicht mit fremden Ansichten, mit der Suche nach wirklichen Personen, die im Buch auftreten, und auch nicht mit der Suche nach seinem Verfasser belastet wird. Damit Sie der Versuchung nicht erliegen, auf die Erläuterungen vorzugreifen, noch bevor Sie das entsprechende Kapitel im Buch gelesen haben, müssen Sie vor der Gewährung des Zugriffs auf die Erläuterungen zur jeweiligen Welt eine Frage beantworten. Erst durch die Beantwortung der jeweiligen Frage öffnen Sie sich die Tür zu den entsprechenden Erläuterungen.

Der Charakter von Eros

Das LEBEN offenbart Eros seinen Charakter erst am Ende, denn man sucht zwischen den zwölf verschiedenen menschlichen Charakteren vergeblich nach seinem Charakter. Sein Charakter ist der dreizehnte, bei dem die Mächte aller drei Verstände ebenbürtig sind.

REI

Ein Mensch mit solch einem Charakter setzt sich in jedem Denkprozess mit zwei antagonistischen Meinungen auseinander, und das heißt, dass er ohne eine zumindest Zweidrittelmehrheit keine Entscheidung treffen kann. Seine drei Verstände entwickeln sich wegen des stets unter ihnen ausgetragenen Wettbewerbs oft stärker, was ihm folglich auch eine größere Objektivität sichert. Welten, die von Menschen mit dem dreizehnten Charakter aufgebaut werden, sind deswegen gerechter und unvoreingenommener beim Erfassen der Wahrheit. Solchen Menschen wird Einblick hinter die Kulissen anderer gewährt, und sie haben deswegen viele Schwierigkeiten mit Menschen, die sich selbst nicht annehmen, denn solche Welten ertragen keine eigene Wahrheit. Obwohl fast jeder Mensch wegen des befangenen Urteils seines wichtigsten Verstandes das Gefühl hat, seine Verstände wären ebenbürtig verteilt, ist der dreizehnte Charakter sehr selten – während die zwölf Charaktere zahlenmäßig ziemlich ausgewogen verteilt sind, kommt der dreizehnte Charakter höchstens bei vier von tausend Menschen vor. Als Symbol für den Menschen mit dem dreizehnten Charakter wirkte in der Geschichte die Schlange. Schlangenträger ist auch das dreizehnte Sternbild und das dreizehnte, gelöschte Tierkreiszeichen. Die Schlange symbolisiert Weisheit, Überleben und Hochachtung, aber auch Einsamkeit, denn Menschen mit diesem Charakter werden von anderen nicht selten für hochmütig, eingebildet und arrogant gehalten. Menschen mit dem dreizehnten Charakter werden oft bewundert und nichtsdestoweniger auch verachtet und sogar gehasst. Die für sie kennzeichnende Vernünftigkeit und Allseitigkeit führen sie oft an die Spitze der Gesellschaft, obwohl sie das nicht wollen. 

Zählen wir einige bekannte Personen mit diesem Charakter auf:

  • Abul Kasim Muhammad Ibn Abd Allah
  • Alexander III. von Makedonien

  • Alfred Bernhard Nobel
  •  Benazir Bhutto
  • Dalai-Lama
  • Fidel Alejandro Castro Ruz
  • Indira Priyadarshini Gandhi
  • Jacques Rene Chirac
  • Jalāl ad-Dīn Muḥammad Rūmī
  • Jesus von Nazareth
  • Julius Kambarage Nyerere
  • Karol Wojtyła
  • Konfuzius
  • Leonardo da Vinci
  • Michail Sergejewitsch Gorbatschow
  • Mohandas Karamchand Gandhi
  • Nelson Rolihlahla Mandela
  • Salomo
  • Salvador Dali
  • Stanley Kubrick
  • Stefan Konrad Raab
  • Willard Christopher Smith, Jr.
  • Zulfikar Ali Bhutto

 

Den dreizehnten Charakter findet man auch unter einfachen Menschen. Erkannt wird dieser Charakter an einem merkwürdigen Charisma, in dem der Grund dafür liegt, dass die Leute einem solchen Menschen folgen und ihm Glauben schenken. Bei Menschen mit solchem Charakter treten oft Sprechstörungen und Lautbildungsstörungen auf, die sich jedoch nur bei Sprachen mit vielen Zischlauten und Frikativen bemerkbar machen.

Welten

Die Erklärungen der Welten ermöglichen ein tieferes Verständnis von [psi]. Dieses Privileg haben jedoch nur Besitzer des Buches und selbst in diesem Fall nur diejenigen, die das Buch tatsächlich gelesen haben.

Wer das Buch [psi] verstehen will, der soll zunächst zur Erkenntnis gelangen, dass er allein von der nackten Wahrheit geführt wird.

Keine Gestalt, kein Ereignis und keine Geschichte ist erfunden – es handelt sich vielmehr um einen anderen Zusammenhang zwischen der Wahrheit selbst und ihrer Darstellung.

Symbolisch ist schon der Buchtitel [psi] selbst – Eros in der Form dieses griechischen Buchstabens. Eros bedeutet im Altgriechischen Liebe, aber auch Erkenntnis, Leidenschaft und Sehnsucht, während [psi] die Psychologie, eine Lehre von der Vernunft des Menschen bedeutet und dazu auch einen besonderen nummerischen Wert (700) hat.

Noch bevor sich der Leser in die von Eros besuchten Welten begibt, durchschreitet er ein Tor, an dem er einige Hinweise zur Fortsetzung seiner Reise erhält. Dieses Tor bildet den Übergang von der dem Leser bekannten und verständlichen modernen Welt aus, der Welt also, in der die Ratio zur Herrschaft gelangt ist. So wie keine der Welten gerecht ist, über die nur einer der drei Verstände herrscht, ist auch die Welt der Ratio ungerecht, denn die meisten Menschen sind in dieser Welt nicht in der Lage, sich selbst anzunehmen. Die Mechanismen, deren sich die Verstände bei ihrer Machtausübung bedienen, sind unsichtbar und dem Menschen unbegreiflich, obwohl jeder von uns sehr deutlich die Kraft ihrer Wirkung zu spüren bekommt. Je stärker die Macht eines der Verstände ist, desto stärker ist auch der Einfluss der von diesem Verstand aufgedrängten Werte und desto größer wird auch die Anzahl der Menschen, die unter diesen Umständen nicht in der Lage sind, ihre eigene Welt anzunehmen. Die menschliche Gesellschaft wird angesichts eines solchen Zustandes stets an den Rand ihrer Möglichkeiten getrieben, wobei der sich daraus ergebende Zusammenbruch nichts anderes als ein Chaos zur Folge hat, in dem es nie einen Sieger gibt.

Die systematische und planende Welt der Ratio kommt schon im ersten Satz des Buches zum Ausdruck.

Sobald das Kind weinend auf die Welt gekommen ist, wird es bereits gemessen und seine Geburtsdaten werden sorgfältig ins Geburtsprotokoll eingetragen. Es wird dabei nur selten gemerkt, dass das Kind allezeit durch zahlreiche und seltsame Zufälle begleitet wird, die freilich keine Zufälle sind. Das Kind wird am siebten Tag des siebten Monats geboren, ist neunundvierzig Zentimeter groß (das Produkt der zweifachen Sieben) und wiegt drei Kilogramm und achthundertfünfzig Gramm oder die Hälfte von sieben Komma sieben Kilogramm.

Der aufmerksame Leser wird wohl die Anfangsbuchstaben der ersten fünf, durch eine Leerzeile getrennten Absätze miteinander verbinden (Slowenisch: SEDEM, Deutsch: SIEBEN; dies ließ sich in der Übersetzung nicht so wiedergeben) und auf diese Weise noch einen Zufall, der nicht zufällig war, entdecken.

Der Leser kann im Buch noch des Öfteren auf solche geheimen Aufzeichnungen stoßen. So findet zum Beispiel eine Botschaft, wer die Anfangsbuchstaben aller Welten miteinander verbindet (EROS DER TRÄUMTE) und diesen die Anfangsbuchstaben von drei Teilen der Einleitung (Slowenisch: SEM, Deutsch: ICH BIN; dies ließ sich in der Übersetzung nicht so wiedergeben) voranstellt. Zu einem Gedanken lassen sich auch ganze Wörter verbinden, mit denen die einzelnen Welten und das Schlusskapitel beginnen, aber dies ließ sich – so wie vieles anderes mehr – in die Übersetzung nicht entsprechend einbringen.

Eros Ankunft wird nicht nur durch die Zahl sieben und die einzelnen verborgenen Wortbedeutungen gekennzeichnet, sondern auch durch die Schlange, das verloren gegangene altertümliche Tierkreiszeichen. Eros Bruder Ares tauschte nämlich vor der Ankunft seines Bruders im Park einen Apfel eben für eine Schlange ein. Diese Symbolik findet ihre Anwendung in umgekehrter Reihenfolge nicht zufällig bereits in der alttestamentarischen Geschichte über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies.

Eros Kindheit ist alles andere als leicht, denn er wächst in der unmittelbaren Nähe seines in jeder Hinsicht stärkeren und ihm sogar feindlich gesinnten Bruders auf. Dadurch wird größtenteils auch seine geistige Entwicklung geprägt, und ohne Zufälle, in deren Hintergrund das LEBEN steht, wäre es ihm dabei überhaupt nicht gelungen zu überleben. Eros erkennt sehr bald, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte – er beobachtet Menschen, die mit aller Kraft nach dem Glück streben, was immer das in ihren Welten bedeuten mag, aber es gibt jedoch sehr wenige wirklich glückliche Menschen. Die Verliebtheit zaubert ihm für eine Weile ein Trugbild der Vollkommenheit herbei, aber die darauf folgende Enttäuschung verhilft ihm zur Entscheidung, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Dieser Teil des Buches ist leicht verständlich, denn jeder Leser kann ohne Hinsicht auf den Verstand, der bei ihm führend ist, mühelos der Geschichte folgen. Mit Eros Weggang werden die Dinge dagegen auf den ersten Blick unlogisch. Ares, der eine mittelalterliche Rüstung anlegt und auf einem Pferd seinem Bruder nachreitet, passt nicht in die Zeit, in der der Leser die Geschichte bisher verortet hat. Der Leser wird somit zum ersten Mal darauf hingewiesen, dass er im Zuge des weiteren Lesens die fest verankerten Vorstellungen und wohl auch die Kenntnisse, an die er sein Leben lang glaubte, aufzugeben habe, denn sie könnten doch auch auf falschen Grundlagen beruhen.

Eros gerät völlig nackt in die Welt aller Gedanken.

Der Verstand hat ihn nicht verlassen, wie es ein durch die Ratio schablonisierter Leser bei dieser Szene meinen möchte. Um zur Wahrheit zu gelangen, musste Eros alles loswerden, was die Wahrheit hätte verdecken können. Eros Kleidungstücke stellen seine Ansichten, seine Werte, seinen Glauben und seine Auffassung der modernen Gesellschaft dar. Erst ohne diese Lasten kann er zur Wahrheit gelangen.

Das LEBEN, der Verstand, von dem dieses Buch erschaffen wurde, tritt Eros in Form eines Sinnbilds entgegen, als streunender Hund.

Der Mensch ist durch seine Verstände verblendet und deswegen dumm, bildet sich aber trotzdem ein, er übertreffe durch seinen Intellekt bei Weitem alles andere. Er bildet sich sogar ein, über die Natur herrschen und sich alle anderen Lebewesen unterwerfen zu können. Aber das LEBEN ist dagegen das Eine, und alles Lebendige bildet einen Teil dieses einzigartigen vielfältigen Systems. Nur wer in der Lage ist anzunehmen, dass auch ein streunender Hund, wenngleich nur als Sinnbild, weiser als die gesamte Menschheit sein kann, der ist in der Tat dazu fähig, die Botschaft des LEBENS zu begreifen.

Der Hund offenbart Eros das erste von sieben Geheimnissen – die von der Menschheit noch nicht begriffenen Grundlagen der Psychologie des Menschen. An dieser Stelle im Buch wird also die Grundlage geliefert, die zur weiteren erfolgreichen Untersuchung unseres Verstandes erforderlich ist. Eros erkennt die Macht dieses Wissens und, beeindruckt von dieser Erkenntnis, wird ihm bewusst, dass er dem LEBEN einen Gefallen schuldet.

Hier taucht nun die Frage auf, wer Eros überhaupt ist.

In weiterer Folge wird mehrmals angedeutet, dass Eros nur im Buch lebt, denn [psi] bildet seine Welt. Ins Leben wird er durch das Lesen dieses Buches gerufen – das Lesen bedeutet den Besuch seiner Welt, indem Eros durch dieses Lesen zugleich in die Welt des Lesers vordringt, und auf diese Weise fängt das Buch in Wirklichkeit an, den Leser selbst zu lesen.

Die Geschichten folgen einander nicht in einer chronologischen Reihenfolge, sondern überlagern sich zeitlich.

In der Einleitung gibt es eine Besonderheit, die nur in der slowenischen Sprache möglich ist. Das lässt sich nämlich ohne erhebliche Schäden für die jeweilige Fremdsprache in keine andere Sprache formgetreu übersetzen: Das LEBEN weist Eros auf Seite vierzig darauf hin, dass er auf die Zahlen drei, vier, sieben, zwölf, dreizehn und einundzwanzig achten soll. Jede dieser Zahlen hängt mit dem Schlüssel zur Wahrheit zusammen. Drei stellt die drei Verstände dar, bei vier handelt es sich um die vier grundlegende Gruppen der Verstände, die Zahl sieben hängt mit diesem Buch und Eros, der stets durch die zweifache Sieben begleitet wird, eng zusammen, zwölf stellt die zwölf menschlichen Charaktere dar und in einem weiteren Sinne auch die menschliche Gesellschaft, während die Zahl dreizehn den Charakter der ebenbürtigen Verstände, aber auch die Wahrheit selbst darstellt. Die letzte Zahl, einundzwanzig, ist die Summe der dreimaligen Sieben und stellt die Offenbarung dar. Alle vom LEBEN stammenden Sätze und Gedanken in diesem Buch setzen sich ausschließlich aus einer der oben bezeichneten Anzahlen von Wörtern zusammen. Es gibt somit keinen vom Hund oder später von Athanasius zur Zeit seiner Vereinigung mit dem LEBEN ausgesprochenen Satz, in dem es eine andere Anzahl von Wörtern gäbe. Dieser Schlüssel findet im Buch an vielen Stellen und mit einer ganz besonderen Bedeutung seine Anwendung.

Der dritte Teil der Einleitung, Seite siebenundvierzig, wurde fast zur Gänze nach dem Diktat des LEBENS erschaffen. Es handelt sich um einen Text mit unvorstellbar tiefem Hintergrund und einer äußerst wichtigen psychologischen Aufgabe. [psi] nimmt an dieser Stelle die Zügel der Verstände des Lesers in seine Hand, ohne dass es diesem zum Bewusstsein käme. Das Buch erkennt hier jene, die sich selbst annehmen, und jene, die sich selbst nicht annehmen, denn die letzteren finden diesen kurzen Textteil stark störend und Eros wegen seiner scheinbaren Selbstgefälligkeit sogar abstoßend. Keiner versteht wirklich gut, warum es dazu kommt. Es ist allerdings eine Tatsache, dass Leser, die sich selbst nicht annehmen, ganz anders durch die weiteren Kapitel des Buches geführt werden als solche, die sich selbst annehmen. Und darüber hinaus gibt es noch eine weitere Tatsache: Kaum jemandem, der das Buch zu Ende gelesen hat, wird sich dieser ablehnenden Wahrnehmung von Eros bewusst, denn die Reise durch [psi] wird auch dem, der sich selbst nicht annimmt, die Reinheit der Gedanken von Eros vermitteln, und er wird das nur schwer ablehnen können.

Wer [psi] begreift und wem es gelingt, alle Kulissen seiner eigenen Welt einzureißen, der entdeckt seine wahre, vollkommene Gestalt und erkennt so wie Eros eine Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen kann. Und eben das kann der Menschheit die Liebe zurückbringen, da die Wahrheit der Weg zu ihr ist.

Der Schluss der Einleitung schildert einen Höhepunkt des Liebens – einen vollkommenen Orgasmus, der von allen Lebewesen auf der Lichtung miterlebt wird. Sie alle wollen nämlich die Wahrheit des LEBENS berühren, die Wahrheit, die Eros unter sie bringt. Diese Schilderung ist natürlich nur ein Sinnbild der Anziehungskraft dieser Wahrheit. Wer das begreift, der erkennt, dass [psi] kein Märchen ist, sondern die nackte Wahrheit.

Die Erkenntnis der Wahrheit ist so bestechend, dass sich ihr keiner, auch Eros nicht, entziehen kann.

Wer glaubt, das Buch handle an dieser Stelle von körperlicher Anziehung und von Eros Selbstgefälligkeit, der hat die Tiefe der Einleitung zu diesem Buch nicht begriffen.

Oliviers Welt ist die Welt der Jugend. Das ist eine einfache Welt, in der sich alles um die Suche nach Glück in der Liebe und Leid aus unglücklicher Verliebtheit dreht.
Olivier wird zwar als ein Narziss dargestellt, während sich dahinter die wahre Schwierigkeit junger Menschen verbirgt, nämlich die irrtümliche Überzeugung, dass man seine eigene Welt durch das Aufstellen von Kulissen vervollständigen könne. In diesem Lebensabschnitt wird oft geglaubt, man könne durch Kulissen Eindruck auf eine andere Person machen. So stößt man meist auf Welten, die sich nur nach der Bewunderung ihrer Kulissen sehnen, was natürlich keine wahre Liebe hervorbringen kann, denn Liebe bedarf immer nur der Wahrheit und keiner Lüge.
Verlogene Welten sind häufig auf sich selbst gerichtet und streben ununterbrochen nach ihrer Vervollkommnung, wobei sie nicht wahrnehmen, dass sie nur ohne Kulissen vollkommen sein können. Im Falle eines Misserfolgs erfährt die Ablehnung der eigenen Welt eine zusätzliche Steigerung, und daraus ergibt sich nur ihre Nichtannahme.
Olivier versteht nicht, warum sich seine unglückliche Geschichte stets wiederholt. Er sieht nicht ein, dass an allem nur er selbst schuld ist, und weist die Schuld immer anderen zu.
Die erste Welt ist einfach und ihre Geschichte ist so gut wie abgedroschen. Der Leser soll sich nämlich an dieser Stelle mit dem Ansatz des Buches vertraut machen, wobei zu viele Zwischenfälle allein zur Vernebelung des Wesens beitragen würden. Die in Metaphern beschriebene Innenwelt ist nicht allen gleich zugänglich, und deswegen ist es von großer Bedeutung, dass der Leser schrittweise zur Erkenntnis gelangt, dass ein wortwörtliches Verständnis der Geschichte immer weniger Sinn hat. Dabei werden jene, die bereit sind, ihre Vorstellungen und Muster aufzugeben, an die sie ihr Leben lang festgehalten haben, mit neuen Erkenntnissen reichlich belohnt.
Oliviers wichtigster Verstand ist die Emotio, und daher auch die zahlreichen Beschreibungen ihrer Merkmale in dieser Geschichte. Oliviers Welt ist offen – sein Haus kann sogar ein völlig Fremder betreten, und der junge Mann verspürt dabei nicht das geringste Unbehagen. Die Emotio findet alles rosig und glaubt alles. Sie wird nicht einmal auf den Gedanken kommen, man könnte ihr etwas Übles antun. Blank geputzte Tanzschuhe, Ball, Schachbrett und sonstige Gegenstände im Haus deuten auf Stärken der Emotio hin. An der Wand hängende Fotos veranschaulichen die der Emotio eigentümliche Denkweise, während das auf dem Tisch liegende unvollendete Plakat davon zeugt, womit sich der junge Mann zum Broterwerb beschäftigt. Dabei bildet die auf dem Plakat dargestellte Gestalt nur eine Verbindung zu einer der nachfolgenden Geschichten.
Das alles enthüllt, wie der Leser die Metaphern in diesem Buch zu verstehen hat. Er vermag freilich die meisten Kleinigkeiten erst bei erneutem Lesen zu bemerken und miteinander zu verknüpfen, und aus diesem Grund ergreift ihn dabei das Gefühl, dass er nunmehr ein anderes Buch liest.
Eine der wichtigsten Lehren in dieser Geschichte liegt in der Erkenntnis, dass es möglich ist, Wissen, das der Menschheit durch [Psi] angeboten wird, zu missbrauchen. Eros greift unbesonnen nach dem Verständnis der Verliebtheit, weil er dem Freund helfen will. Die Wirkung bleibt zwar nicht aus, ist aber nur von kurzer Dauer, und der Missbrauch wird bestraft. Dass LEBEN wacht nämlich über die Zufälle, denn der Sinn des Lebens ist nicht die Erfüllung all unserer Wünsche, sondern die Schule, in der wir zu lernen haben. Das Glück ist nur eine Belohnung für den Erfolg.

Die Welt von Rubia Maat ist voller Vorurteile, und obwohl man Rubia nicht alt nennen kann, gleicht die von ihr vertretene Welt eben oftmals der der Alten. Der Name Rubia ist aus dem Namen der Pflanze Rubia tinctorum (Krapp) entlehnt, die ehemals als Farbstoff diente. Maat ist die altägyptische Göttin der Wahrheit, des Gesetzes, der Sittlichkeit und der Gerechtigkeit. Rubias Name bedeutet somit symbolisch so viel wie gefärbte Wahrheit.
Rubia Maat, die Verwalterin des Bundesgefängnisses, ist eine sorgfältige und pedantische Frau. Sie überlässt nichts dem Zufall, und ihr Haus – das Gefängnis – ist auf den ersten Blick wohl geordnet. Nichts kann in das Haus gelangen, was Rubia verletzen oder beschädigen oder ihr wehtun könnte.
Die Verwalterin erkennt Eros Reinheit nicht, aber ihr Instinkt wird durch ihre Ratio und ihre Emotio getäuscht und so wird ihm die Tür in Rubias unantastbare Welt geöffnet. Der Leser begegnet hier schon wieder der Macht unserer Verstände, die mühelos die Wahrheit entstellen, ohne dabei den geringsten Zweifel an ihren verzerrten Vorstellungen aufkommen zu lassen. Obwohl Rubias Welt durch ihren wichtigsten Verstand – den Instinkt – möglichst vollkommen abgeschirmt wird, wird diese verletzbar durch die beiden untergeordneten Verstände, die Emotio und die Ratio, die sich nach Geselligkeit und Liebe sehnen.

Das Gefängnis hat vier Abteilungen – für vier Charaktergruppen.
In der ersten Abteilung sind die schlimmsten Verbrecher untergebracht, das sind Männer, bei denen die Emotio Schlag hat. Die Häftlinge sind über besonders codierte Nummern mit wirklichen Personen aus dem Leben von Rubia Maat verbunden. Es gelang nur einem, dem Häftling Nummer 452210, aus dem Gefängnis auszubrechen. Dieser Häftling stellt Rubias erste, unglückliche Liebe dar – einen jungen Mann, der sie verlassen hat. Damals traf sie die Entscheidung, alles zu tun, damit sie keiner mehr verletzen würde, und fing an, bei allen Männern nur nach Fehlern zu suchen, um ihnen den Zugang zu ihrer Welt verwehren zu können. Jeder Mann wird so in ihrer Welt vorverurteilt, noch bevor er sich ihr überhaupt vorstellen kann. Aber in Rubias Gefängnis werden nicht nur Männer festgehalten, die sie zu Rendezvous einladen, sondern auch die Männer ihrer Freundinnen. Es gibt auch eine Sonderabteilung für Frauen, die allen törichten Vertretern des männlichen Geschlechts den Kopf verdrehen.

Der Häftling Nummer 746071 soll seine Ehefrau immer wieder vergewaltigt haben. Rubia sieht da in Wirklichkeit nur ein Ehepaar, bei dem es keine wahre Liebe mehr gibt, sondern nur noch Abgestumpftheit und ein gefühlskaltes Verhältnis.
Um den Zusammenhang zwischen den Menschen im Gefängnis und Rubias Vorurteilen noch anschaulicher zu machen, erinnert sich Eros an dieser Stelle an seinen Traum, in dem ein riesiger Mahagonihammer, den die Verwalterin bei ihrer Urteilsverkündung verwendet, versucht, ihn zu vernichten.
Der Häftling 827909 ist in den Augen von Rubia Maat ein Kinderschänder, aber es stellt sich heraus, dass dieser angesehene ältere Mann nur eine viel jüngere Freundin hat.
Die Verwalterin schützt ihre intime Welt sorgfältig, was allerdings typisch ist für Menschen, bei denen der Instinkt das letzte Wort hat. Eros befragt sie nach Kindern und persönlichem Glück und erscheint ihr daher frech. Weil er mit ihrer Antwort nicht zufrieden ist, löst er absichtlich den Alarm aus, um herauszufinden, was geschehen wird. Er wird dabei durch Rubias Abwehrmechanismus – den Humor – stark überrascht. Das Lachen erweist sich nämlich als Weg zu ihrem Herzen.
Der Häftling 699195 ist ein Mann, der sich von seiner sorgsamen Ehefrau verwöhnen lässt, aber Rubia sieht darin nichts anderes als Verachtung des Partners. Die Tatsache, dass ein solches Verhältnis einem auch gefallen kann, nimmt sie einfach nicht an und ist deswegen überzeugt, dass dieser Mann die Frau in seiner Ehefrau getötet habe.
Für den schlimmsten Verbrecher hält die Verwalterin auch den Häftling 848248, der seine Ehefrau betrügt und dadurch auch seinen beiden Töchtern Leid zufügt. Es stört sie an ihm insbesondere der Umstand, dass er sein Treiben durch Blumen und Geschenke zu verschleiern sucht.
Der Häftling 896236 ist wegen Eifersucht verurteilt worden, die sich aber als berechtigt erweist, da seine Frau ihm untreu geworden ist. Rubia verurteilt trotzdem alle Eifersüchtigen, denn sie hält sie für übermäßig herrschsüchtige Männer.
Rubia Maat berichtet Eros von vielen Männern, denen der Umstand gemeinsam ist, dass sie sich selbst nicht annehmen. Zwei junge Männer mit den Häftlingsnummern 807559 und 705424 stellen in Rubias Welt Menschen dar, die ihre eigene Welt hinter der Kulisse des Erfolgs verbergen. Der Häftling 816839 täuscht mit seinen Kulissen nicht nur die anderen, sondern sogar sich selbst, denn er hat durch diese Kulissen einen Bruchteil seiner Welt, der in einer nach den Werten der Ratio aufgebauten Gesellschaft unannehmbar ist, in sein Gegenteil verwandelt. Dieser Häftling verachtet und verabscheut somit am meisten eben die Menschen, deren Welten seiner eigenen Welt ähnlich sind. Um seine eigene Welt noch zusätzlich verhüllen zu können, werden diese Welten von ihm öffentlich verspottet.
Das Mittagessen, das auf dem Tisch auf Eros wartet, setzt sich aus drei kargen Konservendosen zusammen, die andeuten, dass Rubias Welt irgendwie mir Athinas Welt zusammenhängt. Diese Dosenmahlzeit passt nämlich keinesfalls zu der Welt eines sorgfältigen und emsigen Menschen, wie es Rubia Maat ist und bei denen der Instinkt das letzte Wort hat. Die Zahl der Dosen weist darauf hin, dass jemand in der Welt der Verwalterin den Charakter von Eros erkannte, denn es gibt je eine Dose für jeden seiner Verstände. Als Eros aus dem Essraum in den Aufsichtsraum kommt, erwischt er Rubia im Gespräch mit jemand, der in Rubias Welt außer den beiden noch anwesend ist. Das ist der wichtigste Verstand der Verwalterin – ihr schüchterner Instinkt. Dieser versteckt sich, sobald sich Eros nähert.
Der Aufsichtsraum inmitten des Gefängnisses veranschaulicht die Umsicht des Instinkts und seine ständige Behutsamkeit. Der Instinkt geht dabei möglichst unauffällig und aus sicherer Entfernung hinter seinen Mauern hervor. Menschen, bei denen der Instinkt der wichtigste Verstand ist, sind neugierig und öffnen ihre Häuser und Welten, ihre so heilige Intimität, nur ungern. Menschen mit dem Instinkt als dem wichtigsten Verstand, die sich selbst nicht annehmen, können sogar böse sein. Ihr Sicherheitssystem ist so eingestellt, dass sie jeden vernichten, der für ihre Welt eine Gefahr darstellen könnte. Das ist auch der Grund, warum solche Menschen oft spotten und verleumden und von anderen geäußerte Worte als Kritik auslegen, die sie auf keinen Fall dulden.
Alkoholgenuss beeinträchtigt das Wirken von Instinkt und Ratio stark, während die Emotio den Alkohol viel besser verträgt. Bei Menschen kommt es daher unter Alkoholeinfluss oft zu einer scheinbaren Änderung ihres Charakters – man kann dabei das Gesicht ihrer Emotio erkennen. Ein alter Spruch besagt, dass im Wein Wahrheit liege, aber in Wirklichkeit geht es bloß darum, dass bei diesem Anlass die Emotio zu Wort kommt, der Verstand also, der mühelos die Geheimnisse einer Welt offenlegt, die ansonsten durch den Instinkt und die Ratio – und dabei durch den ersteren noch mehr als durch die letztere – vor anderen verborgen gehalten werden.
Der Alkohol öffnet die strengstens geschützte Welt von Rubia Maat für einige Augenblicke – mit der Emotio dringt die Sonne durch die Decke in diese Welt ein.

In der zweiten Abteilung werden ein Lügner – 686327, ein Ausbeuter – 036234, ein übertrieben Sparsamer – 708127, zwei Geizhälse – 790747 und 085841 – und ein Sonderling, der sich gern in Frauenkleidung zeigt, festgehalten. Gemeinsam ist ihnen, dass andere durch ihr Verhalten nur mittelbar beeinträchtigt werden.

In der dritten Abteilung gibt es Häftlinge mit milden Strafen. Das sind Menschen, die anderen keinen Schaden verursachen, aber von Rubia Maat dennoch verspottet und verachtet werden. Der Häftling 894344 ist bestrebt, sich beim Geschlechtsverkehr hervorzutun, hat aber dabei keinen Erfolg, weil er ein schlechter Kenner der Psyche und des weiblichen Körpers ist. Der Häftling 957538 ist unselbstständig und zutiefst an seine Mutter gebunden – er ist ein Häftling mit Instinkt. Durch die Art und Weise, auf die Rubia ihn beschreibt, wird auch die geistreiche, humoristische Seite ihres Verstandes enthüllt, was allerdings für einen schöpferischen Instinkt typisch ist.
Der Häftling 763509 – ein Computermann – ist die Ratio, der Häftling 349090 – ein Monologiker – ist die Emotio … Hier wird es klar, dass keiner der Verstände der Welt von Rubia entspricht. Auch der Häftling 077407, ein selbstgefälliger Mensch, kein anderer als Olivier aus der ersten Welt, stellt im Gefängnis von Rubia Maat nur einen Narziss dar, mit dem sie nichts anfangen kann.
Dass keiner in der Welt der Vorurteile einem Urteil entkommen kann, wird klar, wenn man einsieht, dass im Gefängnis sogar ein Ungeschickter, Häftling 147895, Rubias Lieblingsfernsehmoderator, Häftling 198533, sowie Männer mit verschiedenen Körperbehinderungen landen. Eros erkennt, dass in diesem Gefängnis durchaus normale Menschen festgehalten werden. Diese Erkenntnis ist das letzte Steinchen im Mosaik der Welt von Rubia Maat. Es ist nun für Eros nicht schwer, den Schluss zu ziehen, dass in der vierten Abteilung Frauen festgehalten werden, die von der Verwalterin verachtet werden.

All diese Häftlinge sind nur ein Produkt von Rubias Fantasie. Rubias Welt ist nämlich kein Abbild der Wahrheit von fremden Welten – Rubia Maat, die diese Welten nicht sehen kann, bildet sich von ihnen ihre eigenen Vorstellungen und Urteile, die völlig verzerrt und darüber hinaus auch der Grund dafür sind, dass sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – sich in ihrer so stark abgeschirmten Welt von den Menschen abkapselt.
Rubias Welt erweist sich als ihr eigenes Gefängnis. Darin gibt es keine anderen Menschen als nur Rubia Maat. Das ist der Preis, der von allen gezahlt wird, die nicht bereit sind, für die Liebe auch nur das Geringste aufs Spiel zu setzen.

Das Geheimnis der Festung von Herakles

Die Geschichte ist so aufgebaut, dass es in ihr überhaupt keinen Hinweis gibt, der Ihnen das Festungsinnere offenlegen würde. Die Natur des Menschen ist jedoch so beschaffen, dass man fremde Welten nach dem Vorbild seiner eigenen Welt betrachtet. Das Geheimnis in Herakles Festung ist somit in Wirklichkeit nichts anderes als Ihr eigenes Geheimnis. Was Sie in der Festung gesehen haben, ist eigentlich die Beschreibung Ihrer wirklichen Welt, am wahrscheinlichsten desjenigen Bruchteils, den Sie in Ihrer Welt nicht sehen wollen und deswegen wohl vor anderen sorgsam verborgen halten. Weil das Festungsinnere ein völlig unbeschriebenes Blatt ist, haben Sie die hinter Ihren Kulissen steckende Wahrheit hineinprojiziert. Wenn Sie aufgeschrieben haben, was das Geheimnis von Herakles war, weswegen er Eros nicht in die Festung hineinließ, dann betrachten Sie nun in einem Spiegel, in dem Sie sich noch nie angeschaut haben, Ihre wirkliche Welt.

Da die Zugbrücke, die in Herakles Festung hineinführt, in Wirklichkeit ein Sinnbild des Zugangs zu Ihrer wirklichen Welt darstellt, ist wohl auch Ihre Aufzeichnung als ein Sinnbild zu verstehen. Daher gibt es hier etwas Hilfe:

  • Wenn Sie drinnen Wertgegenstände wie etwa Schätze, Gold oder Geld gesehen haben, dann hängen Ihre Kulissen mit materiellen Gütern zusammen. Sie sehnen sich vielleicht nach Geld, schämen sich aber deshalb vor anderen oder vielleicht besitzen Sie Geld, um dadurch anderen beweisen zu können, wie erfolgreich Sie sind.
  • Wenn Sie das Gefühl hatten, dass Herakles Eros die Tür nicht aufmachte, weil er in der Festung etwas Persönliches verbirgt, dann hängt das mit etwas zusammen, was Sie daran hindert, sich selbst anzunehmen. Wenn Sie an Herakles unerfüllte Liebe gedacht haben, dann führen Sie wohl ein Leben ohne wahre Liebe.
  • Wer in der Festung Herakles Vorfahren sieht, der hat Schwierigkeiten im Verhältnis zu seinen Vorfahren. Wer in der Festung Unordnung sieht, der ist auch selbst unordentlich, und wer darin Staub sieht, der ist wohl einsam oder verlassen.

Leser, die angenommen haben, Herakles habe ein Verbrechen begangen, sind wohl unehrlich und vielleicht auch habgierig und anderen gegenüber ungerecht. Wer in der Festung Finsternis gesehen hat, der lässt in Wirklichkeit andere nicht in seine Nähe, und wer in der Festung Ausschweifung angenommen hat, der schämt sich seiner eigenen Abartigkeit.

Nur wenn Sie drinnen wirklich nichts gesehen haben, ist Ihre Welt wohl offen und ohne Kulissen. Solche Welten sind jedoch in Wirklichkeit sehr selten. Es gibt dagegen viele solche, die sich ihrer Kulissen so stark schämen, dass sie darüber gar nicht sprechen können. Und auch solche Menschen behaupten, in der Festung nichts gesehen zu haben.

Sind Sie überrascht? Was immer Sie schon in der Festung gesehen haben, kann Ihnen behilflich sein, damit Sie anfangen können, Ihre eigene Welt anzunehmen. Wer seine Kulissen kennt, der kann sie abreißen und dahinter eine wunderschöne Welt entdecken, eine eben solche, von der er ja schon immer geträumt hat. Wer aber in seiner Welt immer wieder nur Kulissen aufbaut, der kann durch sie keine Wahrheit mehr sehen und hat Angst, auch vor der Wahrheit über sich selbst, und kann folglich diese Kulissen auch nicht abreißen. Wenn die Wahrheit solch einem Menschen offenbart wird, dann stellt er umgehend neue und noch vollkommenere Kulissen auf. Und eben hier haben all seine Schwierigkeiten in der Tat auch ihre Wurzeln.

Die 3. Welt

Die Welt von Herakles ist die Welt von Musikern, Künstlern. Obwohl die Ratio der wichtigste Verstand von Herakles ist, ist Herakles Welt völlig anders, als man es von diesem Verstand erwarten würde.
Von Bedeutung ist diese Geschichte unter anderem auch wegen der Erkenntnis der möglichen Nichtübereinstimmung unserer Welt mit unserem Charakter. Solche Menschen leiden oft in ihrer Welt und nehmen sich nicht an, denn die Nichtannahme ist eine ständige Begleiterin von Mustern, die entweder von den Eltern oder von der Gesellschaft übernommenen oder uns von diesen aufgezwungen werden.
An dieser Stelle taucht im Buch zum ersten Mal eine komplizierte Symbolik auf, die dem Leser eine Vorahnung von der wirklichen Tiefe des Buches [Psi] vermittelt. Anspruchsvollere Leser werden hier das finden, was ihnen bereits am Anfang versprochen wurde, und bei vielen kommt da ein Vorgefühl zustande, dass dieses Buch nicht oberflächlich zu lesen ist, und sie legen es an dieser Stelle für eine Weile ab.
Herakles (lateinisch Hercules) war ein für seine Stärke berühmter altgriechischer Heros. Der junge Mann, bei dem die Ratio, der stärkste Verstand der gegenwärtigen Welt, den Vorrang hat, ist jedoch schwach. Das ist das Paradox seiner Welt – bei ihm sollte eigentlich die Emotio Schlag haben, aber es ist der Ratio gelungen, die Emotio ins Gefängnis zu schließen, und zwar mithilfe der Werte, mit denen die Ratio über die Gesellschaft herrscht. Die Welt von Herakles ist somit überhaupt keine für die Ratio typische Welt, obwohl darin die Ratio zur Herrschaft gelangt ist.
Die dritte Welt erzählt von einem bisher unbekannten Geheimnis eines der größten Musikkunstwerke. Dabei bildet auch die Geschichte selbst ein wahres Kunstwerk. Die Verbindung mit der berühmten Passacaglia ist viel stärker, als es auf den ersten Blick scheinen mag, denn dieses Musikkunstwerk wurde in Wirklichkeit eben von dem Verstand geschaffen, der auch das Buch [Psi] geschaffen hat. Die Geschichte handelt somit nicht nur von der Passacaglia, sondern hat auch symbolisch den gleichen Aufbau – sie setzt sich aus 21 Absätzen zusammen, deren Zahl der Zahl der Improvisationen in dieser Komposition Bachs entspricht. Dieses Musikstück wurde 1717 geschaffen, also in einem Jahr, dessen Zahl zweimal die Sieben enthält; die zweifache Sieben begleitet die ganze Zeit auch Eros. Die Passacaglia enthält einen geheimen Code aus sieben Noten und schließt mit einem merkwürdigen Akkord ab, der aus sieben Tönen besteht – ein Zufall, der nicht zufällig ist.
Wer mit der Baukunst vertraut ist, der wird schon am Anfang begreifen können, dass das Portal der Festung den Buchstaben M bildet. Dieser bezeichnet Herakles Vorfahren und hat zudem auch eine weitere, tiefere Bedeutung. Der Buchstabe M entspringt der semitischen Bezeichnung für Wasser, das den Instinkt symbolisiert. Der ausgetrocknete Graben, der die Festung umgibt, zeugt also davon, dass der Instinkt einstmals der Ratio geholfen hat – und eben wegen dieser Hilfe ist Herakles Emotio im Gefängnis stecken geblieben.
Damit die Beschreibung einer mittelalterlichen Festung den Leser zeitlich nicht in Irre führt, erscheint der junge Mann das erste Mal mit Kopfhörern und einem Abspielgerät in der Tür und hält auch ein Buch in der Hand. Dieses Buch ist [Psi]. Als Herakles es zu lesen anfing, betrat er die Welt von Eros – so wie der Leser, der das Gefühl hat, das Buch zu lesen, aber in Wirklichkeit ist es eben umgekehrt, sodass der Leser vom Buch gelesen wird.
Herakles bemerkt Eros Nacktheit und ahnt daher auch seine Reinheit und Kraft. Er lässt sich das zwar nicht anmerken, aber in Wirklichkeit bekommt er Angst, dass es dem Ankömmling irgendwie gelingen wird, in seine Festung zu gelangen. Deswegen ziehen die Ketten die Zugbrücke nachtsüber hoch an die Mauer.
Wenn Eros am nächsten Morgen wieder an die Tür klopft und um ein Stück Brot und Wasser bittet, erkennt er das wahre Gesicht von Herakles Ratio; in seiner Welt gibt es nämlich keinen Platz für eine milde Gabe – man muss da auch Brot und Wasser verdienen.
Eros schaut sich um und stellt fest, dass er nicht der einzige ist, dem es nicht gelungen ist, in die Festung einzutreten. Eine kleine an die Mauer gelehnte Leiter weist darauf hin, dass sich jemand – ein Mädchen – einst stark verschätzt haben musste, als es überzeugt, eine gewöhnliche Brüstung vor sich zu haben, damit die Mauer übersteigen wollte.
Das Erscheinen des Wassers im Graben und sein Ansteigen symbolisieren die zunehmende Kraft des Instinkts – der junge Mann kriegt Angst, weiß aber nicht wovor. Mit dem Instinkt erscheinen auf der Brücke auch Brot und Wasser – der Instinkt kennt milde Gaben.
Die Zugbrücke besteht aus drei besonderen Holzsorten und ihre beiden größeren Flächen sind gewölbt. Die Brücke stellt den Korpus einer Violine dar, die auf die von dem mittelalterlichen Geigenbauer Andrea Amati eingeführte Art und Weise gefertigt ist. Seiner Schule entstammen Andrea Guarneri und Antonio Stradivari, die diese Technik der Violinenfertigung vollendeten.
Eros hört sich die aus der Festung ertönende Musik an, indem er sich auf die Brücke legt – über diesen Teil führen die vier Saiten der Violine, die hier vier Charaktergruppen darstellen. Der Brücke – dem Korpus der Violine – fehlt der Hals, der in der Ausführung der mittelalterlichen Geigenbauer eine Länge von 13 Zentimeter hat. Eros kennt in diesem Teil der Geschichte seinen Charakter noch nicht. Wenn Eros so auf der Brücke liegt, gibt es an seiner linken und rechten Seite je ein Loch, das durch seine Form an den Buchstaben f erinnert. Wenn Sie nicht verstehen, wieso hier eben dieser Buchstabe vorkommt, dann prüfen Sie, an welcher Stelle dieser Buchstabe im (slowenischen!) Alphabet (a, b, c, č, d, e, f …) steht, und vergessen Sie nicht, dass Eros auf jeder Seite einen solchen Buchstaben hat.
Eros wird von der Passacaglia völlig ergriffen. Dieses musikalische Meisterwerk hängt mit dem großen Johann Sebastian Bach ebenso wenig zusammen wie das Buch [Psi] mit seinem Verfasser. Die Passacaglia ist ein äußerst bemerkenswertes Werk, das jedoch nicht nur vom musikalischen Gesichtspunkt aus zu betrachten ist – es verbirgt sich in ihr die Wahrheit, von der Eros spricht, und deswegen ist eben er in der Lage, sie zu entschlüsseln. Diese Wahrheit ist zugleich auch einer der sieben Beweise des LEBENS, ein Beweis, den bis zum Zustandekommen dieses Buches noch keiner auf der Welt erkannt hat. In der Beschreibung von Eros Erlebnis der Passacaglia verbirgt sich auch ein Hinweis darauf, warum diese Entschlüsselung eben ihm gelungen ist. Dieser Hinweis bezieht sich auf das Sternbild Orion, das Eros während des Zuhörens der Passacaglia am Himmel erblickt. Es handelt sich dabei um ein Sternbild, das sich aus sieben Sternen zusammensetzt, wobei drei von ihnen in der Mitte stehen und von den übrigen vier Sternen umgeben werden. Die vier Ecksterne stellen vier Charaktergruppen dar – jeder von ihnen steht an seiner Seite der Wahrheit, die durch die mittleren drei Sterne veranschaulicht wird.
Eros enthüllt Herakles für dessen Freundschaft das, was er in der Musik gesehen hat, aber der junge Mann lässt ihn nach wie vor nicht in die Festung. Eros gelangt dadurch zu der Erkenntnis, dass Bachs Passacaglia-Manuskript nicht das einzige Geheimnis ist, das von Herakles hinter den starken Festungsmauern verborgen gehalten wird.
Wer diesen Textteil aufmerksam genug gelesen hat, der merkt, dass Herakles äußerst achtungsvoll über Marchand und so gut wie verachtungsvoll über Bach spricht, obwohl er eben seine Musik vorführte und studierte. Die Passacaglia ist nämlich seine Schule des Lebens, ein Rätsel, das er schon zu lösen versuchte, als sein Ego noch im Körper seines Urgroßvaters gesteckt hatte. Dadurch wird veranschaulicht, wie ein und dieselbe Schule des Lebens Generationen hindurch von einem Geschlecht auf das andere übertragen werden kann. Solange dieses Rätsel nicht gelöst wird, wird der junge Mann auch kein Glück finden.
Dass auch Eros nicht unbeirrbar ist, kann seiner Unterstellung entnommen werden, Marchand hätte die Noten ins Feuer geworfen, wenn Bach sie ihm geschickt hätte. Am Ende erfahren wir, dass Bach die Noten wirklich Marchand zukommen ließ, der sie wegen ihrer Genialität, in der er ein Werk Gottes erkannte, nicht ins Feuer werfen konnte.
Eros erkennt nicht den Plan, den das LEBEN für ihn bestimmt hat, und begreift nicht, warum eben er als einziger das Geheimnis der Passacaglia hat entschlüsseln können.
Die Speisen, Eintopf, Rotfeder, Oliven und Schafskäse, aus denen Herakles Eros Namen zusammensetzt, bilden einen Hinweis darauf, dass sich in dieser Geschichte noch weitere geheime Botschaften verbergen, die zu erfassen und zu entschlüsseln sind. Wie sehr präzise und aufmerksam man beim Lesen dieses Textes sein muss, ergibt sich aus der Tatsache, dass nur wenige Leser bemerken, dass Herakles nicht allein in der Festung lebt – es kehrt nämlich auch eine schwarze Schlange in sie zurück, die Eros auf seiner Brust erblickte. Dieses Tier stellt Herakles Ratio dar, indem auch der Umstand, dass sich die Schlange dem schlafenden Eros so sehr nähern kann, seine eigene Bedeutung besitzt. Die Schlange ist nämlich auch ein Symbol des dreizehnten Charakters, was der Leser in diesem Buch auch an mehreren weiteren Stellen erfahren wird.
Der zwischen Herakles und Eros ausgetragene Wettkampf stellt nicht nur den Unterschied im erworbenen Wissen dar, sondern vor allem den Unterschied in der Wirkung der verschiedenen Verstände bei Sportaktivitäten. Der Wettkämpfer, der beim Sport die Ratio einsetzt, besitzt einen taktischen Vorsprung, indem die Emotio beim Wettkämpfer eine Koordination, Abstimmung der Bewegungen zur Folge hat. Jeder Mensch setzt bei Sportaktivitäten die beiden Verstände ein, und zwar unbeachtet seines Charakters. Der Unterschied liegt bloß darin, dass die Menschen, bei denen die Emotio Schlag hat, nicht mit der Abstimmung der Bewegungen, sondern vor allem mit der Voreiligkeit und dem Mangel an Disziplin und Planmäßigkeit Schwierigkeiten haben. Die Ratio strebt dagegen nach der Erforschung der Möglichkeiten, nach Verbesserungen und Planmäßigkeit, kann aber in der Motorik nie die Emotio erreichen oder übertreffen. Solche Sportler sind viel disziplinierter und erreichen das Ziel nur schrittweise und durch Beharrlichkeit. Das Training von Verteidigungstechniken wie etwa dem Realen Akido zeigt, dass wir Menschen auch lernen können, die Abstimmung der Tätigkeiten unserer Muskeln der Emotio zu überlassen. Das stellt jedoch keine Änderung in den Machtverhältnissen zwischen den einzelnen Verständen dar. Jeder führende Verstand kann sich nämlich entschließen, eine bestimmte Aufgabe einem anderen Verstand zu überlassen, was allerdings noch nicht bedeutet, dass er dadurch auch auf seine Übermacht verzichtet, denn er kann doch in jedem Moment die Kontrolle wieder übernehmen. In Sportdisziplinen, bei denen das Resultat von der Abstimmung der Bewegungen abhängt, sind deswegen Spitzensportler immer Menschen, bei denen die Emotio Schlag hat – bei ihnen wird nämlich die entscheidende Rolle in kritischen Momenten nicht von der Ratio und dem Instinkt übernommen.

Die Übereinstimmung des Motivs auf dem Schlüssel mit dem Portal der Festung weist darauf hin, dass Herakles Geheimnis mit seiner Familie zusammenhängt. Das bedeutet, dass er die ihm in die Wiege gelegten Regeln einzuhalten hat. Das Eisenhemd und der Gürtel des jungen Mannes stellen gesellschaftliche Regeln dar, mit denen Herakles auf die Welt gekommen ist und deretwegen er so schwer in seinem Leben schwimmt, wobei er sich dessen gar nicht bewusst ist. Er merkt nicht, dass viele Dinge, mit denen er auf die Welt gekommen ist und die für ihn selbstverständlich und annehmbar geworden sind, in Wirklichkeit unnatürlich und dem Menschen sogar oft schädlich sind. Herakles sieht nicht ein, dass die durch die herrschende Welt der Ratio geschaffenen Regeln und Werte im Widerspruch mit der Natur der Emotio und des Instinkts stehen.
Eben wegen der blinden Annahme einiger gesellschaftlicher Regeln, bei denen wir uns des Umstandes nicht bewusst sind, dass sie nur für die Ratio natürlich sind, gelingt es vielen Menschen nicht, ihre Schule des Lebens zu erkennen. Obwohl die meisten Menschen in ihrem Inneren die Sinnlosigkeit einiger gesellschaftlicher Regeln spüren, traut sich fast niemand, das laut auszusprechen, denn jeder fürchtet sich vor Spott und Ausschluss aus der Gesellschaft. Das ist das Paradox der Gesellschaft, in der einer der Verstände zur Herrschaft gelangt ist. Manchen Menschen, die erkannt haben, dass die Regeln der Gesellschaft nicht mit den Werten ihrer Welten übereinstimmen, ist es wegen der allgemeinen Entstellung des Sachverhalts nicht bewusst, dass es in Wirklichkeit in fast zwei Dritteln aller Welten ähnlich ist. Die sich daraus ergebende Folge ist die allgemeine Nichtannahme. Dass wir am Ende unseres Lebens nur das bereuen, was wir nicht getan haben, bedeutet, dass Menschen, von denen die Schule des Lebens nicht angenommen wird, kein Glück finden können.
Herakles erkennt die Weisheit, von der Eros spricht, und will in der Schule des Lebens lernen, aber die einzige Schule, die er in seiner Welt kennt, ist die Schule der Ratio. Er will Eros die Tür in seine Festung öffnen und darin alle Mauern abreißen, aber er zögert dabei, denn die Kulissen verdecken ihm die wunderschöne Wahrheit seiner Welt.
Der Eisenwürfel, den Eros im Graben findet, ist ein geometrischer Körper. Er ist mit Rost bedeckt, und darunter verbirgt sich die Inschrift Sara. Rost bzw. Eisenoxid ist ein im Laufe der Zeit durch Oxidation zwischen Eisen und Sauerstoff entstehendes Korrosionsprodukt. Wer den symbolischen Zusammenhang zwischen dem dreidimensionalen Körper und der Zeit nicht begriffen hat, der findet hier die Erläuterung, wie diese vier Dimensionen zu einem Ganzen verbunden sind. Diese Erkenntnis des Zusammenhangs von vier Dimensionen bildet den dritten Beweis des LEBENS, während Sara nur eine Prinzessin ist, der es nie gelang, in die Festung zu kommen.
Der Schlüssel, der dem jungen Mann aus der Hand glitt und gerade vor Eros zu Boden fiel, ist ein Zufall, denn wir werden durch die Schule des Lebens eben von Zufällen geführt.

der zu fallende schlüssel der nicht zufällig gefallen ist
und der dem Leser verraten wird
dass Ende Schlüssel gefallen wegzulassen sind

Wer glaubt, im Buch an dieser Stelle auf einen misslungenen Vers gestoßen zu sein, der irrt sich. Es liegt hier vielmehr ein Rebus vor, das nicht leicht zu entschlüsseln ist – das gelingt nur den Menschen mit zwei parallelen Verständen, mit der Ratio und der Emotio. Und eben solch einen Charakter hatte nicht zufällig auch Johann Sebastian Bach.
Das Rebus lässt sich durch die Umformung der ersten Zeile nach der in der zweiten und dritten Zeile gelieferten Anleitung lösen. Das wird Ihnen nur dann gelingen, wenn Sie die Wörter in der ersten Zeile so wie Emotio betrachten – dieser Verstand wandelt nämlich alles zu einzelnen Bildern, um sie anschließend zu einem größeren Bild zusammenzufügen. Das Partizip bzw. Verb zu fallende malt er sich etwa als Substantiv Fall aus. Nun sollen Sie mit Ihrer Ratio fortfahren – Sie können somit zur Feststellung gelangen, dass dem Leser etwas offenbart wird, wenn er etwas weglässt. Das Wegzulassende wird in der dritten Zeile aufgezählt.
Werden also in der ersten Zeile die Wörter Ende, Schlüssel und gefallen weggelassen, ergibt sich die Lösung des Rätsels:

der zu fall der nicht zufällig ist

(Dass einige Wörter zusammen zu lesen sind, kann jeder der drei Verstände einsehen.)
Wenn Sie in der Schule Schwierigkeiten mit der Grammatik hatten und nicht begriffen, warum die Wörter in Substantive, Verben … bzw. Subjekte, Prädikate, Adjektive u. Ä. m. einzuteilen sind, dann werden Sie nunmehr wissen, dass es sich dabei nur um eine Gewalt handelte, die von der Ratio über der Emotio und/oder dem Instinkt ausgeübt wurde.

Eros bekommt den Schlüssel, der die Tür zu Herakles Festung öffnet. Obwohl er den Schlüssel vom LEBEN geschickt bekam, weiß er sehr gut, dass er die Unantastbarkeit des Geheimnisses des jungen Mannes zu achten hat. Herakles selbst muss die Entscheidung treffen, ob er die Schule des Lebens annehmen will oder nicht – kein anderer als er darf darüber entscheiden, ob er Eros offenbaren soll, was sich hinter seinen Kulissen verbirgt.
Die Wahrheit ist niedergeschrieben, aber sie kann nur von jenem erkannt werden, dem Herakles sie anvertrauen will, und ist deswegen ohne Worte geschrieben. Eros bleibt sieben Tage in der Festung, und das wird auf genau dreizehn Seiten beschrieben, wobei diese Seiten auch Eros Spiegel bilden – der Leser kann sich darin anschauen, wie er sich noch nie angeschaut hat.
Wenn Sie meinen, nichts zu sehen, dann schauen Sie sich die Positionen der Anführungszeichen auf den Seiten 134 und 135 an. Dann stellen Sie das Buch auf den Kopf, um sich anschließend noch die Anführungszeichen auf den Seiten 139 und 138 anzuschauen. Die Anführungszeichen ahmen die Positionen der Sterne nach – auf der ersten Seite die Position des Sternes Sirius und auf der anderen Seite die Position des Sternbildes Orion, das sich aus sieben Sternen zusammensetzt, während ihre über den sichtbaren Absatz in der Mitte der leeren Seiten gespiegelte Anzahl – 1 und 7 – das Jahr 1717, d. h. das Entstehungsjahr der Passacaglia veranschaulicht. (Das Buch ist auf den Kopf zu stellen, weil auch die beiden Einsen im Auflösungszeichen umgekehrt sind.)
Die gesamte Niederschrift des Geschehens in der Festung – die Seiten mit dem unsichtbaren Text – stellt ein Biforium (ein zweibogiges Fenster mit einer Säule in der Mitte) dar. Wenn der Text genau in der Mitte der leeren Seiten (auf Seite 137) wieder kurz zum Vorschein kommt, blickt Eros aus dem Fenster. Dieser Text bildet die Mittelsäule des Biforiums. Dieser sichtbare Textteil teilt die aus dem Inneren der Festung von Herakles stammende Aufzeichnung in zwei Teile. Er ist sichtbar, weil Eros in diesem Moment aus der Festung hinausblickt und die Unverletzlichkeit von Herakles davon nicht berührt wird.
Sie sollten aufmerksam die Zufälle verfolgen; sie verbergen sich auch dort, wo Sie glauben, dass es keine gibt. Sie weisen Ihnen den Weg, wenn Sie nur bereit sind, die Schule des Lebens anzunehmen. Wem es gelingt, aus seiner Welt die Kulissen zu entfernen, der wird nicht länger verletzlich sein. Sein Erfolg wird vom Glück gekrönt sein.

Ares suchte nach seinem Bruder, und zwar lange vergeblich. Lange kam er nicht darauf, dass ein Narrenstreich von Eros den Grund für sein Misslingen abgab. Dieser schrieb ihm, der betäubt auf dem Boden lag, eine Botschaft auf die Rüstung, die er selbst nicht lesen konnte. Als er so die Menschen nach Eros befragte, bekam er von ihnen immer wieder falsche Antworten, weil die Aufzeichnung auf seiner Rüstung den Befragten Angst einjagte.
Die Geschichte bedarf hier einer kürzeren Erläuterung. Ares ist der Instinkt von Eros, nur dass sich Eros dessen nicht bewusst ist – so wie auch wir uns unserer Verstände nicht bewusst sind. Wir empfinden jeden Verstand und seine Denkweise als einen Teil von uns und leben deswegen ununterbrochen in der falschen Überzeugung, nur einen Verstand und nur einen Willen zu haben.
Die List mit der Inschrift war das Werk von Eros Ratio, der es dadurch zugleich gelang, zu verhindern, dass der Instinkt die Herrschaft über die Welt von Eros an sich reißt. Auch beim dreizehnten bemühen sich alle drei Verstände die ganze Zeit um die Vorherrschaft, woraus ihr ununterbrochener Wettkampf und ihre ständige Vervollkommnung hervorgeht.
Ares konnte letztendlich doch feststellen, woran es liegt, dass er seinen Bruder so lange nicht ausfindig machen konnte, und strich das überflüssige Wort in der Inschrift auf seiner Rüstung.
Beim dreizehnten kann keiner der Verstände die führende Rolle übernehmen, weil er es bei jedem Versuch mit zwei ebenbürtigen Gegnern zu tun hat. Zwei sind gemeinsam immer stärker als einer.
Eros Emotio treibt Ares (d. h. den Instinkt von Eros) dieses Mal mithilfe der Kunst der Selbstverteidigung in die Enge – die Kunst der Abstimmung von Gedanken und Bewegungen fällt nämlich in die Domäne der Emotio.

Herakles offenbart Eros noch sein letztes Geheimnis: Sein Urgroßvater, der kein anderer als er selbst in einem seiner früheren Leben ist, war hochnäsig und hochmütig. Solche Menschen werden vom LEBEN belehrt, dass ihr Verhalten verfehlt ist, während jenen, denen Unrecht widerfahren ist, vom LEBEN Hilfe zuteilwird. Marchand wich dem Musikzweikampf aus, weil er Bachs Größe erkannt hatte. Eben dadurch beging er aber den größten Fehler in seinem Leben – er wich nämlich dadurch der Schule des Lebens aus und konnte infolge dieses Fehlers auch in seinen späteren Leben nicht zur wahren Erkenntnis gelangen. Herakles stieß auf das Buch [Psi] und gelangte mit Eros Hilfe zu seiner eigenen Wahrheit. Ob das auch dem Leser gelingen wird, hängt von seiner Bereitschaft zur Annahme der Schule des Lebens ab.

Die vierte Welt ist die Welt der Wissenschaften, des geschriebenen Wortes und der Intellektuellen. Das ist die Welt, in der wir leben und die von der modernen Gesellschaft als Wahrheit erkannt wird.
Veronika (aus der lateinischen Wortverbindung vera icon – wahres Bild) glaubt an diese Welt. Obwohl sie darin weder Liebe noch Glück findet, bescheidet sie sich einfach damit, dass das eine unabänderliche Realität sei. Ihrem Schicksal ergeben, glaubt sie nicht an das LEBEN und verneint alles, was sie nicht versteht oder mithilfe von Büchern nicht zu erklären vermag. Diese Schicksalsergebenheit stellt die Welten vieler Menschen dar, die in einer Gesellschaft leben, die von der Ratio beherrscht und von den Vorstellungen und Werten dieser Ratio so stark durchdrungen ist, dass sich Menschen mit anderen Verständen darin schlechthin nicht annehmen können.
Die Machtergreifung durch die Ratio entwickelte sich langwierig. Ihr ist das in der Geschichte schon des Öfteren gelungen, aber ihre Herrschaft war noch nie so umfassend und festgegründet. Die Weltherrschaft übernahm sie zum ersten Mal erst zur Zeit der industriellen Revolution, und es waren damals die Wissenschaften, die ihr diesen Weg zur Macht ebneten.
Der wichtigste Verstand von Veronika ist nicht die Ratio, wie man es in einer solchen Welt sonst erwarten würde, sondern die Emotio. Die Geschichte handelt davon, wie stark der Einfluss der Umwelt auf unsere Verstände und ihre Macht sein kann, wenn in der Gesellschaft die Werte eines dieser Verstände zur Herrschaft gelangt sind.

In der Bibliothek treten genau siebenundsiebzig Personen auf. Außer Veronika und Eros gibt es da noch Besucher, die auf verschiedene Weise zu erkennen sind – am häufigsten an ihren Büchern oder an geäußerten bekannten Zitaten. So treten hier auch viele Denker auf, die durch ihre Erkenntnisse wesentlich zur Entwicklung der Zivilisation beigetragen haben.
Veronikas Gehilfinnen – Rania, Ema und Iris – stellen keine unterschiedlichen Personen dar.

Die Ratio ist der Verstand, dem alle Gefühle fremd sind. Gäbe es einen Menschen, bei dem der Instinkt und die Emotio völlig ausgeschlossen und nicht nur von untergeordneter Bedeutung wären, dann wäre sein Handeln besonnen, planmäßig und gefühllos. Obwohl die Handlungsweise der Ratio in mancher Hinsicht an die Wirkungsweise eines Computers oder Roboters erinnert, kann die Ratio trotzdem von Gefühlen und Empfindungen sprechen, sie analysieren und klassifizieren. Sie hinterfragt ihre Rolle und Bedeutung beim Handeln des Menschen und noch vieles mehr. Sie kann einzelne Empfindungen sogar vortäuschen und sie zur Erreichung bestimmter Ziele einsetzen, jedoch nur auf eine Art und Weise, wie die Empfindungen vom Instinkt und der Emotio erfasst werden. Die Ratio ist nicht fähig zu denken.

In Veronikas Welt steht die Ratio an zweiter Stelle. Veronikas Welt hat sich wegen des modernen Ausbildungssystems – auch auf der Universitätsebene – zu einer Bibliothek von Regeln, Werten und Ansichten der Ratio gewandelt, in der eben dieser Verstand auch am geschicktesten ist. Die Bibliothekarin ist zutiefst überzeugt, die Werte aller Verstände zu kennen und zu verstehen, und sieht folglich nicht ein, dass alle Bücher nichts anderes als die von der Ratio gelieferten Erklärungen der Emotio und des Instinkts sind. Veronikas Welt ist daher vollkommen geordnet, und sie kann darin nur eines nicht, nämlich die wahre Liebe finden, denn dazu ist Wahrheit erforderlich, die es aber in der einseitigen Welt der Ratio nicht gibt. Eben das lässt sich auch im Spiegel von Eros sehen – der Spiegel zeigt nur die nackte Wahrheit, darum sind darin keine Abbilder der Bücher zu erblicken.
Dass die Daten auch in Veronikas Welt allmählich weit wichtiger als die Menschen geworden sind, wird bereits aus ihrer ersten Begegnung mit Eros ersichtlich. Als dieser sie nach dem Glück in ihrem Leben befragt, denkt sie, der junge Mann spreche von einem Buchtitel. Auch Liebe, Heim, Familie, Freunde, Erlebnisse, Freude, Freiheit, Sonne, Wind, Sterne, Zikaden und Neugier gehen die Ratio sehr wenig an. Das alles lässt sich auch in der modernen Gesellschaft beobachten, in der die Menschen unter dem Einfluss der Ratio immer weniger Umgang pflegen und immer mehr Zeit am Computer verbringen und somit die Bedürfnisse der Emotio und des Instinkts in einer scheinbaren Welt befriedigen, was in Wirklichkeit nur geschieht, damit die Ratio weiterhin an der Macht bleibt.
In die Bibliothek kommen die Menschen auch, weil sie in ihrem Leben immer mehr Schwierigkeiten zu bewältigen haben. Sie verspricht ihnen nämlich schon am Eingang des Gebäudes, dass das Glück sicher berührt, wer aus Büchern lernt. Das ist die Herrschaftsweise der Ratio – sie sucht stets nach Lösungen, um die Unzufriedenheit des Instinkts und der Emotio zu stillen, aber nur ihr selbst erscheinen diese Lösungen logisch.
Die Verankerung der Rechtsordnung – eine großartige Erfindung der Ratio – stellt den Beginn der Zerstörung einer ungerechten Vorherrschaft dar, die vordem – noch zur Zeit des alten Roms – die Emotio besaß. Der Rechtskodex bildete damals einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer gerechteren Gesellschaft, da die Emotio bisher mit Gewalt und Zwang geherrscht hatte. Der Übergang zu einer wertmäßig gleichberechtigteren Gesellschaft ermöglichte dem gesamten Römischen Reich einen Aufstieg, der solange währte, bis die Ratio den Instinkt und die Emotio völlig untergraben hatte und Werte, die den gegenwärtigen äußerst ähnlich sind, die Herrschaft über die damalige Gesellschaft angetreten hatten.
Thomas Beispiel aus dem Römischen Recht veranschaulicht den Unterschied zwischen dem ursprünglichen und dem späteren Zweck der Gesetzeswerke. Die ursprünglichen Gesetze waren einfach und logisch, ihr Zweck war allen verständlich und sie bedurften keiner komplizierten juristischen Auslegungen durch Fachleute, bei denen die Ratio den Vorrang hat. Die Macht und der Einfluss der Ratio nahmen durch Spitzfindigkeit und Unklarheit der Gesetze nur noch zu. Das ist auch aus dem Umstand ersichtlich, dass sich nur Menschen mit viel Geld hervorragende Rechtsexperten leisten können, wobei Geld unter der Vorherrschaft der Ratio eben von Menschen mit der Ratio als dem wichtigsten Verstand am leichtesten erworben wird. Die scheinbare Gerechtigkeit ist somit heute in der Tat nicht mehr für alle gleich.
Es ist kein Zufall, dass das Beispiel aus dem Römischen Recht eben von Thomas dargestellt wird – so hieß auch der Apostel, der in der biblischen Geschichte die Auferstehung Jesu anzweifelte. Der wichtigste Verstand von Thomas ist der Instinkt, der Zweifler, und dieser Verstand setzt sich in einem von der Ratio gestalteten Schulsystem mit eben so vielen Schwierigkeiten wie die Emotio auseinander. Aber der Instinkt ist bei Thomas nicht das einzige Hindernis auf dem Weg zum Erfolg. Thomas sollte auch in der Schule des Lebens noch manches erfahren – dass man Glück auf dem eigenen Fundament aufbauen und sich dabei nicht darum kümmern soll, wie erfolgreich andere sind, insbesondere wenn der Erfolg der anderen nicht auf die eigenen Kosten geht. Kein Zufall ist an dieser Stelle auch die Erwähnung von Marcus Tullius Cicero, geboren am 3. Januar 106 v. Chr., römischer Staatsmann, Jurist, politischer Theoretiker und Philosoph, der von vielen für den größten römischen Redner und Schriftsteller gehalten wird.

Veronikas Welt ist wie die Bibliothek – die Wahrheit dieser Welt liegt in den Büchern, die nach dem System der universalen Dezimalklassifikation geordnet sind. Wir sind uns der Tatsache nicht bewusst, dass dem auch die von uns gelebte Welt entspricht. Alles ist nach dem System der Ratio und deren Werten geordnet, auch das, was zu den Welten von Instinkt und Emotio gehört. Die Bibliothekarin hat nur mit einer Büchergruppe Schwierigkeiten – mit Büchern, welche die Wahrheit darstellen. Und weil diese Wahrheit mit der Wahrheitsvorstellung der Ratio nicht übereinstimmt, entfernt Veronika alle Beweise von der Existenz der wahren Wahrheit aus der Bibliothek. Dabei weist das System der Wahrheitsauffassung der Ratio eine irreführende Wirklichkeit auf. Indem wir mit Eifer Standpunkte befürworten, die zu bezweifeln sich nur wenige wagen, denken wir gar nicht daran, wo diese Standpunkte eigentlich herrühren. Wir nehmen sie nur deswegen als wahr an, weil sie auch von anderen als wahr angenommen werden. Bezweifelt sie jemand, so geht er das Wagnis ein, von der Gesellschaft bloßgestellt und als ›gesellschaftlich unannehmbar‹ gebrandmarkt zu werden. Klar ist, dass sich die Maßstäbe dafür, wer mit seinen Standpunkten für die Gesellschaft unannehmbar ist und wer nicht, in der Geschichte immer wieder ändern, wohingegen nach wie vor im Dunkel bleibt, dass daran nicht Fortschritt und Entwicklung Schuld tragen, sondern lediglich der Wechsel in der Stellung als herrschender Verstand. Jeder Verstand erklärt nämlich seine eigene Wahrheit für die wahre Wahrheit, und der Wechsel in dem vom früheren Verstand befürworteten Standpunkt wird somit als Fortschritt angesehen. Es ist dabei zu gestehen, dass dieser Fortschritt in der Geschichte nicht nur in einer, sondern immer in zwei Richtungen verläuft, und das heißt, dass wir jeden Übergang der Werte eines Verstandes zu den Werten eines anderen Verstandes für einen Fortschritt halten können. Jeder Wechsel des herrschenden Verstandes wird somit von der Gesellschaft als Fortschritt empfunden. Dabei bleibt der Zusammenhang zwischen dem herrschenden Verstand und dem Einfluss seiner Werte auf die Gesellschaft die ganze Zeit offensichtlich.
Ein anschauliches Beispiel dafür liefert uns die Auffassung von Sexualität. Die Emotio ist hinsichtlich der Sexualität durchaus offen, während der Instinkt in der Hinsicht äußerst zurückhaltend ist. Die Ratio hält nicht viel von der Sexualität, aber weil sie sich ihrer großen Bedeutung für die Emotio bewusst ist, schafft sie absichtlich Verhaltensregeln, die der Emotio den Einsatz der Sexualität als eines zur Stärkung ihrer Übermacht dienenden Werkzeuges unmöglich machen. Die antike Gesellschaft war hinsichtlich der Sexualität vollkommen freizügig. Im Mittelalter war sie so gut wie verboten, weil ihr Wann, Wie, Wo, Mit wem und Wie viel (wenn überhaupt) durch strenge Regeln festgelegt wurden. Im 20. Jahrhundert erscheint die Hippiebewegung, was jedoch nichts anderes ist als ein Aufstand der Emotio gegen die immer offensichtlichere Übermacht der Ratio. In den Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die bis dahin als fortschrittlich angesehenen Werte der Ratio und somit auch das Verhältnis zur Sexualität so gut wie über Nacht konservativ, rückschrittlich. Die Sexualitätsauffassung der Hippies war derjenigen in den antiken Gesellschaften gleich, und dieser Wandel in den sexuellen Werten wurde als sexuelle Revolution bezeichnet.

Der Psychiater Milan – er ist der Verfasser des Buches, das Eros als Erstes aus Veronikas Bücherregal nimmt – stellt die Auffassungen der modernen Psychologie dar. Diese stützt sich noch weiterhin vor allem auf Beobachtung und Experiment. Ein derartiger Ansatz dient eher der Milderung von Schwierigkeiten als ihrer Behebung, denn das Beheben von Schwierigkeiten ist ohne ihr wirkliches Verständnis eher eine Sache des Zufalls. Wer sich auf die Funktionsweise von elektronischen Geräten nicht versteht, der hat nur wenig Aussicht darauf, einen komplizierten Computer zu reparieren, und Gleiches gilt auch für die Behebung von psychologischen Schwierigkeiten – dazu ist auch ein besseres Verständnis der Wirkungsweise unserer Denkprozesse erforderlich. Das menschliche Gehirn gilt noch immer als das geheimnisvollste und am wenigsten erforschte menschliche Organ, denn man kennt trotz zahlreicher Versuche noch kein ausreichend erfassbares Modell, mit dessen Hilfe man den Verlauf von Denkprozessen verstehen, erklären oder vorhersehen könnte.
Eros enthüllt dem Psychiater einen ihm bisher unbekannten Zusammenhang zwischen Denkprozessen. An dieser Stelle ist erneut zu unterstreichen, dass Ratio, Emotio und Instinkt drei vollkommen aufs Neue bestimmte Begriffe sind. Wer sich bemüht, einen von ihnen bei sich zu erkennen, der hat die Erläuterungen dieser drei geistigen Prozessoren nicht verstanden. Keiner der drei Verstände ist besser als die beiden anderen und jeder von ihnen hat seine eigenen Vorzüge und Nachteile. Keiner von ihnen ist für die Gesellschaft mehr oder weniger annehmbar oder von ihr erwünscht oder bewundert. Eine weit größere Schwierigkeit als die, in unserem Denken einem der drei Verstände den Vorrang einzuräumen, stellt deren Nichtannahme dar. Alle Charaktere sind völlig ebenbürtig. Es stimmt nur, dass in einem bestimmten Zeitalter es Menschen leichter haben, über deren Charakter der Verstand waltet, der zu dieser Zeit auch in der Gesellschaft herrscht.
Wie fast jede große Entdeckung in der Geschichte der Menschheit stößt auch Eros Enthüllung beim Psychiater Milan zunächst nur auf Spott und Ablehnung. Eine neue Theorie wird immer für eine bestimmte Zeit auf die Probe gestellt – erst wenn sie sich als wirksamer und brauchbarer erweist, kann sie eines Tages eine alte Theorie verdrängen. Dann vergessen sowohl die Fachleute als auch die Öffentlichkeit, dass diese neue Denkweise zunächst angezweifelt wurde. Wenn sich aber die neue Denkweise als unwirksam erweist, dann fällt sie kurzerhand der Vergessenheit anheim. Einige Theorien halten sich sehr lange … sie lassen sich nicht einfach über Nacht verdrängen. Solch ein Beispiel liefert uns das Werk Almagest von Ptolemäus, das um 150 n. Chr. entstand und als Grundlage für jedes astronomische Wissen bis zum 17. Jahrhundert galt. Sein System beruhte auf der Annahme, dass sich die Sonne, die Planeten und die Sterne um die Erde als unbeweglichen Mittelpunkt des Weltalls bewegen. Obwohl die Theorie auf einer falschen Annahme gründete, stimmte sie gut mit den Beobachtungen der Planeten überein, und deswegen konnte sich die Kopernikanische Theorie eines heliozentrischen Systems von 1500 erst viel später durchsetzen.
So verhält es sich nicht nur mit wissenschaftlichen Theorien, sondern mehr oder weniger auch mit jeder neuen Entdeckung. Die ersten PCs konnten die alten Schreibmaschinen nur langsam verdrängen – und wir können es heute kaum glauben, dass die Menschen damals die Vorzüge des Computers nicht sofort begriffen und nicht umgehend die Schreibmaschine durch ihn ersetzt haben, denn es ist uns kaum vorstellbar, dass man an dieser überhaupt Vorteile vor dem Computer erkennen konnte.
Die Patienten, über die Eros und Milan grübeln, stellen wirkliche Krankheitsfälle dar, in denen verschiedene namhafte Psychiater mit ihren klassischen psychotherapeutischen Ansätzen keinen Erfolg erzielten. Eros stellt dem Psychiater auf einfache Weise einen anderen Ansatz für die Lösung der Schwierigkeiten seiner Patienten vor, einen Ansatz, der sich auf der Auffassung der Dreiheit der Verstände und ihrer Merkmale gründet. Wer dieses Denkmodell der menschlichen Vernunft begreift, der hat auch nicht immer gleich eine Lösung zur Hand, sondern verfügt über eine Grundlage, die es ihm ermöglicht, verschiedene psychische Schwierigkeiten viel leichter in einen Zusammenhang zu bringen und zu verstehen. Milan lehnt Eros Denkweise zunächst ab, ist aber dennoch bereit, sich mit ihr zu befassen. Er erkennt dabei schon bald, dass er sein eigenes Wissen nicht zu verwerfen braucht, weil das, wovon Eros spricht, wohl einen unglaublichen Zusammenhang zwischen einigen Erkenntnissen darstellt, die der gelehrte Psychiater bereits selbst gewonnen hat. Wirklich überzeugen kann ihn erst die Erkenntnis, dass er mit diesem neuen Ansatz zahlreiche Schwierigkeiten verstehen und lösen kann, die bisher als unlösbar galten. Die REI-Theorie vermag nämlich Depressionen, Autismus, Dyslexie, Tourette-Syndrom, Stottern und viele andere Schwierigkeiten zu erklären, die sich nunmehr auch restlos heilen und nicht nur mildern lassen.

Auf dem Tisch in der Bibliothek erscheint ein weißes Buch – es geht um das gleiche Buch, das sowohl Herakles – in der dritten Welt – als auch der Leser selbst in seiner Hand hält. Wer das Buch aufmerksam liest, der kann feststellen, von wem dieses Buch – auf Seite 159 – in die Bibliothek zurückgebracht wurde.
Die Frau mit den Katzenaugen ist die (slowenische) Schriftstellerin Svetlana Makarovič. Ihre Rolle in der Bibliothek ist viel wichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Ihr Märchen Mondscheinsaite (im Buch als Mondscheinmärchen bezeichnet) weist auf den Zeitpunkt des Geschehens in der Bibliothek hin, denn das Märchen Mondscheinsaite war zur Zeit der Entstehung des Buches [Psi] noch nicht in Buchform erschienen.

Das Regal mit dem Namen ›Übersehenes‹ stellt einen Leerraum in der Welt der Ratio dar. Das ist die Wahrheit, die von der Ratio nicht wahrgenommen wird, denn sie sieht statt der wahren Wahrheit immer nur ihre eigene Wahrheit. Zwei entgegengesetzte Wahrheiten strafen einander Lügen. Um ihre eigene Wahrheit bewahren zu können, verbannt die Ratio alles, was sie ihrer Glaubwürdigkeit beraubt, in den Keller … in einen Raum also, der nur wenigen Menschen zugänglich ist. Auf diesen Regalen gibt es Werke und Überlegungen von Menschen mit dem Charakter von Eros. Diese Menschen können die Botschaften aus dem Regal ›Übersehenes‹ ungeachtet ihrer Entstehungszeit verstehen. Die Wahrheit ist nämlich ewig und bleibt immer die gleiche.
»Teile und herrsche« ist ein uraltes Prinzip der Ratio, auf das auch der junge Rolihlahla prallt, der die Bücher nicht erreichen kann. Seine Hände sind gefesselt, und er kann folglich nicht die Wahrheit erreichen, zu der er gelangen will. Wer diesen Abschnitt gut verstehen will, der muss das Leben und Wirken des jungen Mannes namens Nelson Rolihlahla Mandela kennen.
Eros will aus dem obersten Regal ein Buch von ehrwürdigem Alter nehmen, in dem er einen Satz über Ebu gelesen hat. Dieser scheint eine ähnliche Sendung wie Eros zu haben, wenn er das weiße Buch in die gefesselten Hände des jungen Mannes legt. Diesen Satz hat der Verfasser zufälligerweise niedergeschrieben, und es ist ihm nach wie vor nicht gelungen, seine Bedeutung und seinen engeren Zusammenhang mit dieser Geschichte zu enträtseln.
König Assurbanipal wusste von der Wahrheit, die Eros kennt. Er bemühte sich mit all seinen Kräften um ihre Bewahrung, denn er wusste sehr gut, dass er das Gleichgewicht und den Frieden in seinem Reich nur mithilfe der Wahrheit aufrechterhalten kann. Er wusste auch, dass die Wahrheit am stärksten von jenen gefährdet wird, die sie nicht verstehen können, und ließ deswegen alle, die sich wagten, die Wahrheit auf ihre eigene Art auszulegen, mit Schlangengift töten. Assurbanipal war der letzte König des alten assyrischen Reiches, und mit seinem Tod ist auch die Wahrheit der Vergessenheit anheimgefallen. Daraufhin riss die Emotio wieder die Herrschaft an sich.
Eros stößt in der Schatztruhe des assyrischen Königs auf noch ein weiteres Stückchen Wahrheit – über die ursprüngliche Auffassung der Tierkreiszeichen oder des Horoskops. Dieses wurde nämlich zu jener Zeit ganz anders gesehen als heute. Die Wahrheit des ursprünglichen Wissens über die zwölf mit genau so vielen Tierkreiszeichen gekennzeichneten menschlichen Charaktere überlagert sich vollkommen mit der Auffassung der menschlichen Psyche im Buch [Psi]. Das Horoskop von heute steht im völligen Gegensatz zu dem, was uns das LEBEN lehrt. Wie ist es also möglich, dass eine so alte Erkenntnis heute so sehr missverstanden wird? Das Buch liefert hier eine Darstellung davon, wie unsere Verstände die Wahrheit ihren jeweiligen Ansichten entsprechend ändern können. Ptolemäus (griechisch Klaúdios Ptolemaîos, lateinisch Claudius Ptolemaeus) stieß auf eine Überlieferung dieser Wahrheit, aber sein Verstand konnte sie nicht begreifen, denn er stand unter der Herrschaft der Ratio, die anstatt der Wahrheit ihre eigene Ansicht aufzeichnete. Im Buch wird das so dargestellt, dass die Wahrheit des Horoskops auf ein Stück Eselshaut abgeschrieben wurde – es handelt sich dabei um Ptolemäus astrologisches Werk mit dem Titel Vier Bücher (Tetrabiblos). Zur Zeit des Ptolemäus wurde Eselshaut tatsächlich wie Papyrus und später Papier verwendet, aber an dieser Stelle kommt ihr noch eine weitere besondere, symbolische Bedeutung zu.
Nicht anders steht es auch mit allen anderen Texten aus dem dreizehnten Regal. Ihre Abschriften und Übersetzungen stellen Verzerrungen der Wahrheit dar, die von allen drei Verständen Jahrhunderte hindurch produziert worden sind. In jeder Epoche fanden die Abschriften und Übersetzungen Anwendung, die dem jeweils herrschenden Verstand am meisten entsprachen.

Im Buch kommt das Wort „Leben“ an mehreren Stellen – in Zwiegesprächen über das LEBEN – einmal nur mit dem großen Anfangsbuchstaben und das andere Mal als Ganzes groß geschrieben vor, um dadurch zu veranschaulichen, dass wir oft von einer Sache sprechen und dabei die gleichen Wörter verwenden, indem wir dabei durchaus verschiedene Vorstellungen haben. So ist auch Veronika überzeugt, dass Eros nur vom Leben spricht, indem dieser ununterbrochen das LEBEN im Sinne hat, d. h. den Verstand, von dem das Buch [Psi] erschaffen wurde, also die Welt, in der er sich vorfand.

In der Bibliothek finden wir auch einen Hinweis darauf, was das LEBEN ist. Dieses kommt in allen Lebewesen vor und verbindet sie zu einem einzigen Ganzen von undenkbaren geistigen Möglichkeiten. Das LEBEN stellt einen Evolutionssprung dar, der dem Lebendigen Unvergänglichkeit sichert, und ist dem Feuer ähnlich, das einen Strohhalm nach dem anderen anzündet und immerfort brennt, obwohl der Brennstoff bereits abgebrannt ist – so wie Körper absterben. Die Vergänglichkeit der Körper ist für genetische Verbesserungen erforderlich und steht im Widerspruch zu dem Wunsch des Lebendigen nach Überleben. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir sterben, weil unser Körper abgenutzt und sozusagen seine Haltbarkeit abgelaufen ist – wie etwa bei Sachen, die wir in unserem Alltag verwenden. Die Natur kann jede Zelle in unserem Körper ersetzen, und das heißt, wir könnten mühelos unendlich existieren, wobei unser Körper keine Alterungserscheinungen und Änderungen aufweisen würde. Die einzige Ursache für unsere Vergänglichkeit liegt darin, dass es im Falle unserer Unvergänglichkeit keine Verbesserungen gäbe.
Ganz anders als mit dem Leben steht es mit dem Verstand. Dieser kann nur dann fortschreiten, wenn er die ganze Zeit lernt und nicht die gleichen Sachen immer wieder zu lernen braucht. So setzte in Urzeiten, am Anfang der Evolution, parallel zur Entwicklung der Intelligenz auch die Entwicklung der Datenübertragung zwischen lebendigen Organismen ein, und darin liegt auch der Grund dafür, dass der Verstand auch heute nur einer ist. Alle Lebewesen sind ein Teil dieses Systems, nur dass wir, die Menschen, während unseres körperlichen Daseins nur mit unseren drei verfügbaren Verständen denken und handeln können. Das LEBEN lenkt so seine eigene Entwicklung – damit wir zu den für den Fortschritt erforderlichen Erkenntnissen gelangen, stellt es uns Umstände bereit, in denen wir uns vorfinden und die von uns als Zufälle begriffen werden. Damit ist die Schule des Lebens gemeint. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass jedes Lebewesen – auch der Mensch – so beschaffen ist, dass es zu seiner eigenen Erkenntnis gelangen kann, und wenn es dabei zum Wohlergehen seiner selbst und auch der anderen handelt, erfüllt es damit seine Sendung. Daher auch die Weisheit, dass jeder das Glück vor seiner Nase, zum Greifen nahe hat, und dass wir nur dem LEBEN zu folgen und die Wahrheit zu entdecken brauchen.
Wir Menschen können mit dem LEBEN nicht in Kontakt treten, nehmen nichts wahr, was mit ihm zusammenhängt, und nehmen mit unseren Wünschen, Gedanken, Vorstellungen oder Bitten seine Gnade nicht an. Aber wir können durch all das auf unser Denken, das Handeln unserer Verstände und unsere Selbstannahme einwirken und dadurch unser eigenes Leben vollkommen ändern.
Dass das LEBEN als Konzept einer überlegenen Intelligenz kein unwirklicher oder abstrakter Begriff ist, beweist die Erklärung einer natürlichen Erscheinung, die von diesem Verstand zu seinem eigenen Handeln genutzt werden könnte. Mithilfe eines quantenphysikalischen Phänomens sollen alle Lebewesen ausnahmslos zu einem Ganzen verbunden sein. Diese Erscheinung wurde zunächst nur theoretisch erkannt, um später einige Male im Laboratorium verifiziert und zum ersten Mal von Albert Einstein, Boris Podolski und Nathan Rosen beschrieben zu werden. Ihre Beschreibung findet man unter der Bezeichnung EPR-Effekt.
Um in weiterer Folge mögliche falsche Auffassungen der im Buch [Psi] bestimmten Bedeutung des Ego zu vermeiden, muss man wissen, dass das Ego als Teil des LEBENS und nicht etwa als Seele zu betrachten ist. Das Ego ist nur ein Entwurf, der vom LEBEN geschaffen wurde, ein Entwurf, nach dem die Ratio, die Emotio und der Instinkt leben. Dieser Entwurf setzt sich durch viele Leben hindurch als Weg der Erkenntnis fort. Heute wird das Ego oft mit der Vorherrschaft der Emotio verwechselt; die Emotio ist nämlich herrschsüchtig, rücksichtslos und selbstsüchtig. Wenn von einer Person mit starkem Ego die Rede ist (im Slowenischen wird dieses Ego im Unterschied zum erstgenannten Ego kleingeschrieben), dann ist diese Person im Buch [Psi] als eine Person zu verstehen, bei der die Emotio Schlag hat.
Die Oortsche Wolke ist eine bisher nicht sicher nachgewiesene Ansammlung von Kometen im äußersten Bereich des Sonnensystems. Ernst Julius Öpik postulierte 1932 eine rotierende Wolke am Rande des Sonnensystems als Ursprungsort der Kometen. Seinen Vorschlag griff 1950 Jan Hendrik Oort auf und erklärte mithilfe dieser Wolke den scheinbaren Widerspruch, dass die Kometen auf ihrem Weg durch die Zonen des Sonnensystems zerstört werden und dass sie bereits alle zerstört sein sollen, wenn sie seit der Entstehung des Sonnensystems bestehen. Veronika greift hier spöttisch auf die Oortschen Wolke als Metapher für Luftschlösser zurück, um dadurch die Unhaltbarkeit der Vermutungen von Eros zu unterstreichen. Eros zahlt es ihr mit Öpik-Asteroiden heim, aber das LEBEN gibt sich damit nicht zufrieden, denn es erwartet von Eros die Erfüllung seines Versprechens.
Das Buch mit dem Titel Prinzipien ist das Werk von Isaac Newton.
Der Herr mit der hohen Stirn, gestutztem Schnurrbart und runder Brille, der am Nebentisch das Gespräch zwischen Eros und dem Psychiater Milan mit anhört, ist Sigmund Freud. Aufgrund des von Eros erklärten Beispiels erkennt er seinen Irrtum und reißt deswegen einige Seiten aus seinem Buch heraus.
Die Frau mit dem Haarknoten auf dem Kopf ist die schwedische Schriftstellerin Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf. Sie legt Eros ihr literarisches Erstlingswerk mit dem Titel Gösta Berling auf den Tisch. Es geht um ein Buch, auf dem sich in den Bücherregalen lange Staub angesammelt hatte, bevor die Außerordentlichkeit seines Inhalts erkannt wurde. Diese Aufzeichnungen bleiben auch auf Eros Tisch eine Weile liegen, denn er wird durch den langweiligen Titel dieser ausgezeichneten Saga nicht angezogen.
Maria Sklodowska ist der Mädchenname von Marie Curie – der Physikerin und Chemikerin polnischer Herkunft. Ihre Entdeckungen im Bereich der radioaktiven Strahlung gelten als bahnbrechend. Wegen ihres Umgangs mit radioaktiven Substanzen hatte sie Schwierigkeiten mit ihren Gelenken. Nach dem tragischen Tod ihres Mannes hatte sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, dem Physiker Paul Langevin, was in den Medien einen heftigen Skandal auslöste.
Der Mann mit dem epileptischen Anfall ist Fjodor Michailowitsch Dostojewski, was auch aus dem Buch mit dem Titel Der Idiot ersichtlich ist, das neben ihm am Boden liegt und also aus seiner Hand gefallen ist. Aus diesem Werk und den Dämonen stammen auch die folgenden drei Sätze des Gesprächs zwischen Veronika und dem Mann:
»Ach, ich habe eine Schuld auf mich geladen!«
»Sie sind schuldig und bleiben dabei doch hartnäckig!«
»Ich würde lieber mit Christus bleiben als bei der Wahrheit.«

Eros enthüllt Milan, dass die Depression in Wirklichkeit ein psychologisches Gegenstück zur Verliebtheit ist, denn es handelt sich bei der ersteren um einen Streit zwischen den Verständen und bei der letzteren um eine vollkommene, harmonische Eintracht ihrer Ansichten. Diese Erkenntnis liefert eine Grundlage für eine durchaus neue Einteilung von Depressionen. Diese hängen davon ab, welche Verstände sich streiten, sowie davon, ob es sich um einen Streit zwischen zwei Verständen oder einen gegenseitigen Widerspruch aller drei Verstände handelt. Wir leben gewöhnlich etwa in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen, und das heißt, dass eine mäßige Nichtübereinstimmung der Verstände unser normaler Zustand ist. Drei von den zwölf Charakteren können nicht in Depression verfallen – das sind die Charaktere mit einem führenden Verstand und zwei untergeordneten ebenbürtigen Verständen. Das Gegenstück dazu bilden die drei Charaktere, die in tiefe Depressionen fallen – das sind die Charaktere mit zwei führenden ebenbürtigen Verständen.

Die Kontinentaldrift zählt ohne Zweifel zu den verblüffendsten erdgeschichtlichen Theorien. Die Geologen K. E. Caster und J. C. Mendes führten einen umfangreichen Vergleich der Gesteine beiderseits des Atlantiks durch und konnten durch ihre Feststellungen die Theorie einer gemeinsamen Herkunft der afrikanischen und südamerikanischen Kontinentalplatte untermauern. Diese Theorie wurde von Charles Hutchins Hapgood in seinem Artikel von 1958 angefochten; seine These unterstützte damals auch Albert Einstein. Hapgood befürwortete die Theorie über die Verschiebung der Erdachse. Die Theorie von der Kontinentalplattenverschiebung wurde der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft 1908 von Frank Bursley Taylor vorgelegt. Hier geht es nicht um eine Darstellung der zwischen Taylor und Hapgood ausgetragenen Diskussion, sondern vielmehr um die Darstellung des Gegensatzes zwischen zwei wissenschaftlichen Standpunkten.
Eros wird durch den Streit zwischen den beiden Herren gestört und ergreift das Wort, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Herren fordern Eros auf, an ihrer Diskussion teilzunehmen, und er enthüllt ihnen dabei ganz unabsichtlich und zufällig etwas, was den Gegenstand zahlreicher Diskussionen zwischen zeitgenössischen Geologen bildet. Darauf wurde er durch den Titel eines Buchs gebracht, das zufällig auf dem Regal oberhalb von Hapgood und Taylor steht. Dieser Vorfall veranschaulicht, wie sich das LEBEN mit Zufällen auch in die größten wissenschaftlichen Entdeckungen einmischt. Eros Antwort gilt daher als der vierte Beweis des LEBENS.
Die Naturgeschichte der Fische (The Natural History of Fishes) wurde 1840 von John Stevenson Bushnan veröffentlicht, der mit diesem Werk in den gehobenen Kreisen der damaligen Gesellschaft weitgehend Spott erntete.
William Thomson, bekannt als Lord Kelvin, war schottischer Physiker und Ingenieur. Er beteiligte sich 1857 an Bord des Kabellegers Agamemnon an der ersten Verlegung eines Kabels auf dem Grund des Atlantiks, das der Datenübertragung zwischen England und Amerika dienen sollte. Das Kabel riss schon nach 385 Meilen. Als das Kabel schließlich fertig verlegt war, verbrannte es infolge zu hoher Spannung. Lord Kelvin versuchte, auf der Grundlage seiner Feststellungen das Alter der Erde zu berechnen. Er vertrat dabei den Standpunkt, dass die Erde vor noch einigen Millionen Jahren eine glühende Kugel war, wodurch er das Alter des blauen Planeten beträchtlich unterschätzte. Er war auch dafür bekannt, dass er nur selten ein Buch zu Ende las. Er starb am 17. Dezember 1907.

Die Frau, die Eros mit einem Buch der Legenden und Mythen der altertümlichen Sarden beeindruckt, ist Grazia Deledda.

Der Alte mit der Öllampe ist Diogenes von Sinope – ein altgriechischer Philosoph und einer der Begründer des Kynismus. Diese philosophische Richtung widersetzt sich dem idealistischen Ansatz der Philosophie Platons, der die Menschen auf einen Weg zu unerreichbaren Idealen bringen will. Im Gegensatz dazu weist der Kynismus auf eine Diskrepanz zwischen der Erhabenheit der »offiziellen« Ideologie und der Wirklichkeit des banalen Alltagslebens hin. Diogenes machte aus der äußersten Armut eine Tugend – er schlief in einer Tonne auf dem Marktplatz und bettelte sich sein Brot zusammen. Berühmt-berüchtigt war er für sein provozierendes Verhalten und seine philosophischen Versuche wie etwa die Suche mit Licht bei Tage nach einem aufrichtigen Menschen, Urinieren auf Menschen, die seine Meinung nicht teilten, und sogar Masturbieren in der Öffentlichkeit. Er stritt oft mit Platon – er widersprach seiner Deutung der Sokratischen Lehren und störte seine Vorträge. Nachdem ihn Piraten gefangen genommen und als Sklaven verkauft hatten, ließ er sich in Korinth nieder und befreundete sich da mit Alexander dem Großen. Kyne bedeutet auf Griechisch Hund. Diogenes erkennt den Charakter von Eros und fragt ihn deswegen, ob ihn der Hund herschicke. Eros versteht den Weisen nicht; er hält den Alten deswegen für verrückt und bemitleidet ihn sogar. Dieser Abschnitt legt uns nahe, dass Missverständnisse anderer nicht blindlings als Dummheiten zu verstehen sind, denn es besteht immer die Möglichkeit, dass die Nichtverstandenen doch recht haben.

Es schießt Eros etwas durch den Sinn, und er fängt an, Bücher aus den Regalen auf den Tisch zu legen, wobei diese Bücher in Wirklichkeit ihre Verfasser darstellen:

1. Der Mantel – Nikolai Wassiljewitsch Gogol
2. Onkel Toms Hütte – Harriet Beecher Stowe
3. Die Kunst des Krieges – Sunzi
4. Menon – Platon
5. Die kleine Meerjungfrau – Hans Christian Andersen
6. Das neue Leben – Dante Alighieri
7. Mahabharata – Veda Vyasa
8. Die Elenden – Viktor Hugo
9. Der zehnte Bruder – Josip Jurčič
10. Die bekannte Welt – Edward P. Jones
11. Mondscheinmärchen (im Original Mondscheinsaite) – Svetlana Makarovič
12. Kakao oder Herren des Landes – Jorge Amado
13. Der Edle – Konfuzius

Nach Konfuzius Buch mit dem Titel Der Edle werden Sie vergeblich suchen, denn dieses Buch gibt es nur auf dem Regal ›Übersehenes‹, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Dieses Buch stellt die Wahrheit dar.
Erst nach der Einteilung der Bücher in Gruppen, die den zwölf menschlichen Charakteren entsprechen, geht Eros ein Licht auf, wovon ihm eigentlich der Hund erzählt hat. Die Einteilung der Verstände nach ihrer Kraft gewährt eine einzigartige Ansicht der Wahrheit; diese Ansicht wird als Charakter bezeichnet. Die Bücher stellen ihre Verfasser dar und verraten ihre Denkweisen. Aus diesem Grund lassen sie sich auf Grundlage der verschiedenen Kräfte der Verstände in genau zwölf Gruppen einordnen. Als sich Eros diese Aufstellung der Bucher anschaut, stellt er dabei fest, dass es unter den zwölf Gruppen drei Untergruppen gibt, die infolge der Vorherrschaft eines der Verstände ähnliche Merkmale aufweisen. Die vierte Gruppe bildet dabei etwas Besonderes, und zwar wegen ihrer Doppelung, denn sie vereinigt in sich die Charaktere mit je zwei parallel führenden Verständen. Das verursacht bei Menschen mit solchem Charakter Unstimmigkeiten, denn alle Entscheidungen werden hier ebenbürtig von zwei und nicht nur von einem Verstand getroffen. Wegen der Unstimmigkeiten und Widersprüche zwischen den Verständen sind solche Charaktere einem ständigen inneren Ungleichgewicht, einer inneren Gärung ausgesetzt – deswegen ist diese vierte Gruppe die Gruppe des Feuers. Die erste Gruppe, in der bei allen Charakteren die Ratio den Vorrang hat, ist wirklichkeitsnah; solche Menschen stehen wegen der Denkweise der Ratio fest auf dem Boden – auf der Erde. Ihrer Denkweise nach ist diese Gruppe zukunftsorientiert. In der zweiten Gruppe hat die Emotio Schlag, und daher auch ihre Merkmale wie gleichgültige Leichtigkeit und Leichtgläubigkeit. Menschen mit einem solchen Charakter leben in einer unwirklichen traumhaften Welt, in der sie sich dem Glauben hingeben, es werde alles ein gutes Ende nehmen; die Gruppe wird symbolisch durch das Element Luft bezeichnet. Ihre Menschen leben jetzt und für den gegenwärtigen Augenblick, Vergangenheit und Zukunft bilden in ihren Welten sehr entfernte und weniger wichtige Begriffe. In der dritten Gruppe gibt es Charaktere mit dem Instinkt als vorherrschendem Verstand. Das sind unzugängliche, geheimnisvolle Menschen, die sich in den Tiefen ihrer Welt verbergen. Bei ihnen ist immer nur ihre Oberfläche sichtbar, und man weiß nie, wie tief sie sind und was sie in ihrem Inneren verbergen. Sie sind wie das Meer, das Wasser. Menschen mit solch einem Charakter leben in der Vergangenheit und fragen sich oft, was gewesen und warum es geschehen ist.
Die neue Einordnung legt auch die Natur der Schwierigkeit offen, mit der sich Veronika ununterbrochen auseinandersetzte. Die Bücher aus dem Regal ›Übersehenes‹ entsprechen nämlich keinem der zwölf Regale, und das heißt, dass keiner der zwölf Charaktere in der Lage ist, die Wahrheit zu erkennen. Ihr Gegenstück ist Eros Spiegel, der nur die Wahrheit und daher kein Buch spiegelt.
Rania konnte die Besucher der Bibliothek dadurch überlisten, dass sie ihnen Abschriften der Wahrheit aus dem Regal ›Übersehenes‹ anbot. Diese Abschriften sind jedoch nichts anderes als die von der Ratio gehegte Ansicht von der Wahrheit, was in der Bibliothek merkwürdigerweise von niemand bemerkt wird. Die Menschen glauben einfach das, was von der Mehrheit geglaubt wird, und Einzelne brauchen viel Kraft und Mut, um sich dagegen aufzulehnen. Eine andere Schwierigkeit hängt mit der Zahl der Abschriften der Wahrheit zusammen, die sich in der Bibliothek als die Wahrheit selbst ausgeben. In einer Überschwemmung dieser Abschriften ist die wahre Wahrheit nur schwer zu erkennen, denn wer in der Bibliothek schon mehrmals eine Lüge aus dem Regal genommen hat, der wird es nur schwer glauben, dass er nun schließlich wirklich die Wahrheit in seiner Hand hält.

Einigen Besuchern der Bibliothek passt die neue Klassifikation der Bücher nicht. Das sind Menschen mit dem Charakter aus der ersten Gruppe, Menschen, bei denen die Ratio den Vorrang hat – der Verstand also, der mittlerweile auch in unserer Gesellschaft den Vorrang hat. Menschen mit diesem Verstand haben es heute viel leichter als andere, weil die Wahrheit nach ihrem Maß geschaffen worden ist. Die Schwierigkeit liegt darin, dass diese Wahrheit auch allen anderen aufgedrängt wird, und da diese Wahrheit mit der Ansicht dieser anderen Menschen nicht übereinstimmt, können diese sich selbst nicht annehmen.
»Leuten, die zwar anspruchsvoll, dabei aber talentlos sind, bleibt nur eins übrig: die echten Talente zu tadeln«, sagte einmal Anton Pawlowitsch Tschechow. Viele, die in den Augen anderer erfolgreich erscheinen, nehmen sich in ihrer eigenen Welt nicht an. Man kann sie daran erkennen, dass sie sich oft bemühen, den Erfolg anderer zu entwerten. Menschen, die selbst nicht aufzusteigen vermögen, ziehen gern die Leiter jenen weg, die es geschafft haben. Diese Eigenschaft der sich selbst nicht annehmenden Menschen ist immer die Folge von übermäßigem Wetteifer, Neid oder gar Gier.

Der Mann, der den längsten Satz im gesamten Buch ausspricht, ist James Hutton –schottischer Chemiker, Geologe und Meteorologe. Seine Freunde bespöttelten ihn oft wegen seiner dunklen, langen Sätze. Die von ihm erwähnten Bücher sind die beiden Bände seiner Theorie der Erde, die später von seinem Freund, Mathematiker und Professor der Naturphilosophie John Playfair in seinem Werk aufgegriffen und erläutert wurde. Huttons Ungeschicklichkeit beim Schreiben wird in der vorliegenden Geschichte dadurch veranschaulicht, dass ihm der Füller aus der Hand fällt, den eben sein Freund John Playfair für ihn vom Boden aufnimmt.
James Hutton war auch ein guter Freund des Philosophen David Hume und des Begründers der politischen Ökonomie Adam Smith.
Am Regal ›Übersehenes‹ erkennt Eros, dass so gut wie alle altertümlichen Zivilisationen das Geheimnis, das ihm der Hund offenbarte, gekannt haben. Es ist auf zahlreichen Denkmälern geoffenbart, und merkwürdigerweise findet überall die gleiche Symbolik Anwendung, obwohl diese Kulturen zeitlich und räumlich getrennt voneinander lebten.

Vor dem Regal mit Veronikas Lieblingsbuch versucht der Psychiater Milan Veronikas Charakter zu erkennen, hat aber dabei keinen Erfolg. Die Erkennung der Charaktere ist nämlich eine viel schwierigere Aufgabe, als es auf den ersten Blick scheint, da der Betrachter die Kräfteverhältnisse der drei Verstände ermitteln muss. Weil sich bei den Menschen nur die Reaktionen und nicht die ihnen zugrunde liegenden Prozesse ablesen lassen, ist zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen den Verständen eine ganzheitliche und mehrere Ebenen umfassende Beobachtung erforderlich. Da die Reaktionen, die von völlig unterschiedlichen Verständen herbeigeführt werden können, gewisse Ähnlichkeiten aufweisen, sind eben die Einzelheiten von entscheidender Bedeutung. Der Grund dafür, dass wir unseren Charakter nicht selbst bestimmen können, liegt darin, dass wir ihn mit den Augen unseres wichtigsten Verstandes beurteilen. Unsere Maßstäbe sind daher nicht objektiv, obwohl sie uns vollkommen real erscheinen. Wir sehen uns selbst gewöhnlich so, dass wir bei uns alle drei Verstände wiedererkennen. Das stimmt übrigens, nur dass wir nicht in der Lage sind festzustellen, welchem unter diesen drei Verständen von uns in Wirklichkeit der Vorrang gegeben wird.
Milans endgültige Erkenntnis ist zugleich auch die Anerkennung dessen, dass die Wahrheit des LEBENS nicht lediglich eine weitere unter den vielen Theorien über das Wirken der menschlichen Psyche ist, sondern eine lange gesuchte Grundlage der Verfassung menschlicher Gedanken. Es darf jedoch nicht erwartet werden, dass auch die übrige Fachwelt so einfach und schnell wie Milan zu dieser Erkenntnis gelangt. (Eine Antwort darauf, warum das so ist, könnte uns Tschechow wohl am leichtesten geben.) Die Schwierigkeit liegt darin, dass auch die heute etablierte Theorie zunächst nur von einem Denker entwickelt wurde und sich erst später auch bei anderen durchsetzen konnte. Aber wahre Denker gibt es nach wie vor nur sehr wenige. Eine jeweils etablierte Theorie wird vielmehr von einer Großzahl angelernter und in Wirklichkeit nicht denkender Fachleute heftig befürwortet. Diese hängen ihren Mantel nach dem Wind der Mehrheit, wobei die Schwierigkeit eben darin liegt, dass gerade sie diese Mehrheit bilden und daher so schwer umzulenken sind.
Die Anerkennung jeder neuen Theorie ist immer ein langwieriger Prozess, der heftige Reaktionen auslöst, und das ist insbesondere dann der Fall, wenn bei der Annahme des Neuen tiefgreifende Änderungen zu erwarten sind. Jede neue Theorie ist zunächst zahlreichen Prüfungen zu unterwerfen und dazu ist immer auch ein gewisser Zeitaufwand erforderlich.
Dass die REI-Theorie auch mit der darwinistischen Auffassung der Evolution übereinstimmt, wird im Buch von Charles Darwin selbst erklärt. Andererseits können auch die Gegner seiner Theorie zur Erkenntnis des von ihm in seiner Theorie durchschauten Einflusses der Zufälle gelangen. (Darwin gelangte zu seiner Theorie mithilfe der Galapagosfinken.)

Das weiße Buch ist an dieser Stelle der Geschichte noch völlig weiß. Dadurch wird symbolisch veranschaulicht, dass sich das Buch trotz der Wahrheit, die es in sich trägt, erst darum bewirbt, von der Menschheit angenommen zu werden. Das Wort Bewerber, Kandidat, ist vom lateinischen candidus – glänzend, weiß – abgeleitet. Wer sich im alten Rom um ein öffentliches Amt bewarb, wer also Kandidat (candidatus) sein wollte, der musste vor dem Publikum in einer weißen Toga auftreten.
Nur die Anerkennung seitens der Mehrheit kann der Wahrheit auf ihrem Weg aus dem ›Übersehenen‹ verhelfen und sie unter die Menschen bringen, die sich nach ihr sehnen. Wahrheit bedeutet nämlich soviel wie Wiederbringen der Liebe.

Veronika nimmt die Wahrheit an – das war ihre Schule des Lebens. Nun kann das LEBEN auch Liebe für sie bestimmen.

Wovon unterhält sich Eros mit Albert Einstein? Dass soll mittlerweile ein Geheimnis bleiben! (Ein Hinweis für jene, die den siebten Beweis des LEBENS erraten wollen – der war nicht das Thema der Unterhaltung!)

Wer glaubt, dass das Buch, das in der Bibliothek mit der Ankunft von Eros erschienen ist, alle anderen Bücher in der Bibliothek ersetzte, der verkannte eine Kleinigkeit. Die um das Feuer herum stehenden Menschen halten Bücher in den Händen. Jeder Verfasser rettete nämlich seine Wahrheit, während auf dem Scheiterhaufen nur die Lügen endeten. Das heißt, dass jeder Mensch Anspruch auf seine eigene Wahrheit hat, da er nur so seine eigene Welt annehmen kann. Die Lügen waren Veronikas Kulissen, derentwegen sie sich selbst nicht annehmen konnte. Sie verhüllten ihre wunderschöne w

Die Geschichte von Kaira stellt die Welt der heranwachsenden Jugendlichen vor. Während dieses Heranwachsens werden sowohl unsere Welt gestaltet als auch unser Haus, das nichts anderes bedeutet als die Vorstellung, die wir von uns selbst haben. In dieser Zeit gewinnen die Dinge, die wir bisher in unsere Welt gestellt haben, ihren Platz. Diese Periode der Entdeckung unserer Persönlichkeit und des Widerstandes gegen Außeneinflüsse prägt nachhaltig unsere Denkweise, denn es wird nun das Kräfteverhältnis unserer drei Verstände endgültig hergestellt und unser Charakter nachhaltig gebildet. Die Pubertät bedeutet für unsere Welt den Wettkampf zwischen den Verständen und das Entdecken der Wahrheit über uns selbst und deswegen das Chaos, das so lange dauert, bis alles seinen Platz gefunden hat. Und eben davon handelt die Geschichte von Kaira.
Es ist kein Zufall, dass zur Veranschaulichung der Reifezeit ein Mädchen gewählt wurde, das in einer so gut wie vollkommenen Familie aufgewachsen war. Der Vater und die Mutter, vereinigt durch die wahre Liebe, sind für ihre beiden Kinder viel mehr als nur ein Vorbild. Sie schenken den beiden viel Aufmerksamkeit und Liebe und versuchen, ihnen möglichst viel Hilfe und Unterstützung zu gewähren. Obwohl man sich nur schwer vollkommenere Eltern vorstellen kann, erfolgt jedoch das Heranwachsen auch in dieser Familie nicht ohne Komplikationen.

Eros kommt in eine Gegend in unberührter Natur und gelangt hier an einen Fluss – dieser stellt das LEBEN dar. Ein Sinnbild bilden hier flügge Vögel – so weit entwickelte junge Vögel, dass erste Flüge möglich sind –, die ihr Nest bereits verlassen haben. Um seinen Weg fortzusetzen, muss Eros das Ufer verlassen, an das er gelangte – das ist die Welt der Eltern von Kaira, die Welt, in der bis vor Kurzem auch Kaira gelebt hat. Eros legt den Spiegel und das Buch auf einen Stein an einem Kolk – der Zufall bestimmt den Spiegel und das Buch in dieser Geschichte für die Eltern.
Der Fluss hat noch eine weitere symbolische Bedeutung – er bedeutet nämlich auch einen wichtigen Schritt im Heranwachsen, den Zeitpunkt, zu dem das Kind die Welt seiner Eltern verlässt und seine eigene Welt erschafft. Jedes Kind tritt eines Tages so oder so auf das andere Ufer, denn dieses andere Ufer stellt seine eigene Welt dar. Dabei geht es nur um die Frage, wie einer diesen Fluss überqueren wird. Es gibt nur wenige Eltern, die sich dieser unvermeidlichen Tatsache bewusst sind und ihrem Kind helfen, ein sicheres Boot zu bauen, in dem es sich mit dem Leben ohne größere Schwierigkeiten auseinanderzusetzen vermag. Die meisten Eltern halten dagegen das Leben für gewagt, und weil sie vergessen, dass auch sie einst den Fluss überquert haben, wollen sie das Kind vor dieser Gefahr bewahren. Sie versuchen, ihr Kind um jeden Preis am eigenen Ufer zurückhalten, und wachen darüber, dass es nicht zu tief in den Fluss steigt, oder untersagen ihm sogar, sich in der Nähe des Flusses aufzuhalten. Solche Kinder müssen daher den Fluss eines Tages durchschwimmen, und eben sie werden vom Leben – so wie Eros vom Fluss – am weitesten weg von der Welt ihrer Eltern mitgerissen. Das Leben kann auch verhängnisvoll sein – meist eben für die Kinder jener Eltern, die sich am stärksten davor fürchteten, dass ihr Kind den Fluss eines Tages überquert. Der Fluss ist für solche Kinder verhängnisvoller als für die Kinder von Eltern, die sich um ihre Kinder gar nicht kümmern und sie schon seit Anbeginn dem LEBEN auf Gnade und Ungnade überlassen.

Eros findet sich zufällig am anderen Ufer vor und stößt hier auf eine Baustelle. In der Nähe des entstehenden neuen Hauses gibt es auch die Häuser der beiden Eltern. Das sind jedoch nicht die Häuser der Eltern von Kaira, wie sie in Wirklichkeit sind. Diese zwei Häuser sind nur eine trügerische Vorstellung, die das Mädchen aus der alten Welt mitbrachte, aus einer Zeit also, als es noch in der Lage war, die wirkliche Welt seiner Eltern zu sehen, wie sie nur von den Kindern gesehen werden kann. Wenn wir einmal den Fluss überquert haben, dann finden wir uns zum ersten Mal im Leben in unserer eigenen Welt vor. Weil sich darin zusammen mit uns auch alle anderen vorfinden, merken wir diesen wichtigen Wandel, der uns ereilt hat, überhaupt nicht. Dieser Wandel stellt nun die Entstehung unserer eigenen Welt dar und bedeutet zugleich auch den endgültigen Verlust des Vermögens, fremde Welten zu sehen. Der Leser soll an dieser Stelle nicht vergessen, dass auch Eros seine Welt verlassen musste, um die Welt aller Gedanken und verschiedene fremde Welten betreten zu können.

Kairas Arbeiter haben jeder seine eigene Denkweise. Wer sich in die Darstellungen dieser Verstände ausreichend vertieft, der kann den Gesprächen zwischen diesen Gehilfen von Kaira entnehmen, wer von ihnen welchen Verstand vertritt.
Der Vater will Kaira beim Erschaffen ihrer eigenen Welt helfen, wodurch er unabsichtlich darauf einwirkt, dass ihre Welt immer mehr der seinen ähnlich wird. Er ist nämlich dessen nicht bewusst, dass jeder Mensch seine einzigartige Welt besitzt, denn auch er kennt, sieht und versteht – so wie alle anderen – nur seine eigene Welt.
Die Mutter mischt sich dagegen nicht in die Entstehung der neuen Welt ihrer Tochter ein und hat deswegen auch später in ihren Beziehungen zur Tochter weniger Schwierigkeiten. Auch sie ist sich ihres Einflusses, der nicht geringer ist als der des Vaters, nicht bewusst. Dieser Einfluss zeigt sich in der Beimessung einer gewissen Bedeutung bestimmten Dingen wie etwa beim Bau der Balkone. Die Mutter will Kaira nur vor Enttäuschungen bewahren, weil die Tochter noch keine Baugenehmigung für ihre Balkone erteilt bekam. Sie ahnt nicht, dass sie nur dadurch, dass sie dieses Thema in der Welt ihrer Tochter erwähnt, eine bestimmte Schwierigkeit hervorruft, die es sonst wahrscheinlich gar nicht geben würde.
Einige Eltern versuchen, ihren Kindern schon früh nahezulegen, dass das Geld im Leben nicht das Wichtigste ist und dass es kein Glück mit sich bringt. Das ist wahr, aber wie kann das ein Kind seinen Eltern glauben, wenn die es immer wieder so eifrig wiederholen und sogar hervorheben, und zwar immer dann, wenn sie sich in der Nähe einer Person befinden, die sie, die Eltern, in Bezug auf Geld verbittert als jemanden wahrnehmen, der erfolgreicher ist als sie. Der Mensch ist nämlich so beschaffen, dass er etwas Wichtiges bemerkt, während er etwas Unwichtiges nicht beachtet, und das begreift jedes Kind schon sehr früh.
Dass Balkone ein Sinnbild des Busens sind, und die Baugenehmigung eine Metapher für die genetische Erbanlage, für eine natürliche Gegebenheit also, durch die vorbestimmt wird, wann und in welchem Umfang sich der Busen entwickeln wird, leuchtete wohl jedem Leser ein. Der Schwarzbau von Balkonen stellt einen chirurgischen Eingriff in die Busenform dar und ist ein Anzeichen der eigenen Nichtannahme. Durch einen Schönheitseingriff lässt sich jedoch nur eine Änderung der Körpergestalt und nicht auch die der Wahrnehmung der eigenen Welt erzielen. Solche Menschen bedürfen deswegen schon sehr bald neuer Eingriffe, denn sie leben noch weiterhin im Irrglauben, dass sie dadurch ihre eigene Annahme bewirken können. Schönheitsoperationen können so etwas nicht bewirken – sie bringen bloß immer neue Kulissen mit, die den Menschen immer mehr die Wahrheit ihrer eigenen Welt verdecken.
Jede Unzufriedenheit mit sich selbst kann bei den Heranwachsenden die Ursache für ihre eigene Nichtannahme bilden. Aber das Vorhandensein eines Grundes für die Unzufriedenheit spielt dabei keine größere Rolle als das Ausmaß der Bedeutung, die sie selbst dem beimessen. Diese Bedeutsamkeit wird den Dingen vor allem von den einem Heranwachsenden nahestehenden Menschen beigelegt.
Das Meiste, was Eltern ihrem Kind während seines Heranwachsens geben können, ist Hilfeleistung bei seiner Selbstannahme. Wem das gelingt, der gibt seinem Kind die beste Mitgift fürs Leben – das ist der Schlüssel zu seinem Glück. Solche Kinder sind gegen fast alle schlimmen Einwirkungen der Umgebung widerstandsfähig, denn sie sind stets in der Lage, die Entscheidungen über alles mit ihrem eigenen Kopf zu treffen. Den Eltern, die sich selbst nicht annehmen, fällt dabei diese Aufgabe weit schwerer.
Kaira ist dreizehn Jahre alt und wird ihren Geburtstag zum ersten Mal im neuen Haus, in ihrer eigenen Welt, feiern. Eltern verstehen diesen wichtigen Wandel bei ihren Kindern oft nicht, weil sie nur ihre eigene Welt kennen. Für sie ist alles nach wie vor so, wie es früher war, während alles in der Welt ihres Kindes mit der Überquerung des Flusses anders wird. Auch das Kind findet seine Eltern von Tag zu Tag seltsamer, denn es weiß nicht, dass es nicht mehr in der Lage ist, die wirklichen Welten seiner Eltern zu sehen. Daraus resultiert die gegenseitige Entfremdung. Wenn die Eltern in dieser Entwicklung ihre Rolle nicht erkennen, dann ist das Erzielte oft dem Gewünschten entgegengesetzt. Eltern eines heranwachsenden Jugendlichen sollten über folgenden Satz nachdenken: »Wir haben dem Kind alles gegeben, was sein Herz begehrt hat, aber es verhält sich so (undankbar) uns gegenüber!« Wenn auch Sie diese Worte nie ausgesprochen haben, dann ist bereits der Umstand, dass sie es so gefühlt haben, ein hinreichendes Hindernis. Es ist natürlich, dass Eltern ihren Kindern nur das Beste wünschen, aber Schwierigkeiten tauchen dann auf, wenn ihnen nicht klar ist, dass jeder Mensch seine eigene Welt braucht und dass auch ihr Kind ein solcher, heranwachsender Mensch ist. Die meisten Schwierigkeiten dabei haben Eltern, die sich selbst nicht annehmen. Sie haben in ihren Kindern ihre eigene, vervollkommnete Welt gefunden, denn die Kinder bildeten in ihrer frühen Kindheit ihre eigene Welt der Elternwelt nach. Diese Eltern können sich nun in keiner Weise vorstellen, dass sich ihr Kind eine andere Welt wünscht, und empfinden das als eine Ablehnung ihrer eigenen Welt durch ihr Kind. Sie werden dadurch noch besonders betroffen, denn sie könnten nun endlich eben mithilfe ihres Kindes ihre eigene Welt, das heißt die Welt, die sie nunmehr in ihrem Kind sehen, zum ersten Mal überhaupt annehmen. Solche Eltern bemühen sich seit der Geburt ihrer Kinder um die Vervollkommnung ihrer eigenen Welt durch die Kinder. Wie sie ihr ganzes Leben ihre Kulissen vervollkommnet haben, bemühen sie sich nunmehr darum, dass auch die Wahrheit ihrer Kinder ihren Kulissen gleich würde. Und dabei geschieht eben das, was sie sich am wenigsten wünschen – anstatt der Wahrheit zwingen sie den Kindern unabsichtlich ihre eigenen Kulissen auf, und die Schwierigkeiten dieser Kinder werden deswegen den Schwierigkeiten ihrer Eltern ähnlich.
Kairas Vater nimmt sich selbst an, ist sich aber dessen nicht bewusst, wie stark er sich wünscht, die Werte, die auf diese Weise nur in seiner Welt wirksam sind, auch auf die Welt seiner Tochter zu übertragen. Auf diesen offensichtlichen Unterschied, der bei Eltern, die sich selbst nicht annehmen, in ihrer Beziehung zu ihren Kindern in Erscheinung tritt, soll der Leser auch in der Geschichte von Malek in der neunten Welt achten. Maleks Tochter Nina besucht die gleiche Schule wie Kairas Schwester Zara.
Kairas Geburtstagsparty veranschaulicht den vernichtenden Einfluss der Altersgenossen auf einen unvorbereiteten Heranwachsenden. Die Jugendlichen nehmen sich selbst in dieser Phase gewöhnlich nicht an, und daher auch ihr häufiges unbarmherziges Auslassen ihres Ärgers an anderen, die sie demütigen und ihnen ihre Neubauten verspotten. Das machen vor allem die Kinder, die mit ihren eigenen Neubauten nicht zufrieden sind (gleiche Verhaltensweise lässt sich auch bei Erwachsenen beobachten, die sich selbst nicht annehmen). Jeder solche Vorfall wirkt sich auf einen Jugendlichen stark aus, und gerade durch die Reaktionen seiner drei Verstände auf solche Vorfälle in dieser Lebensphase werden auch die Kräfteverhältnisse zwischen diesen drei Verständen entscheidend geprägt. Es handelt sich dabei um die Reaktion, die in einem größtmöglichen Umfang das gemeinsame Ziel sichert. Das endgültige Kräfteverhältnis zwischen den drei Verständen ist nichts anderes als eine Antwort auf die Summe aller Außeneinflüsse während der frühen Kindheit und der Reifezeit. Das Verhältnis, das sich in diesen ersten Jahren am besten bewährt hat, wird zum bleibenden Charakter eines Menschen.
Die Eltern sind sich des Einflusses der Umgebung bewusst und versuchen deswegen, das Kind so zu beschützen, dass sie ihm Freunde wählen und den Umgang dort einschränken, wo es einer Gesellschaft mit schlechtem Einfluss begegnen könnte. Die Schwierigkeit liegt jedoch darin, dass die Eltern ihr Kind nicht lebenslänglich schützen können. Dem Kind, das sie schon während seiner Jugend vor Einwirkungen der Umgebung zu beschützen versuchen, erschweren sie dadurch erheblich seine späteren Beziehungen – manchmal auch für sein ganzes Leben lang. Dagegen tun die Eltern ihrem Kind den größten Gefallen, die ihm den Umgang auch mit solchen Altersgenossen erlauben, die beim ersten Kontakt vielleicht auch ein wenig Schaden an seinem neu entstehenden Haus anrichten, und es daraufhin bei der Behebung des Schadens anregen, denn es wird nur so das nächste Mal in der Lage sein, die Freunde selbst zu wählen und dafür Sorge zu tragen, dass der Umgang ohne Schäden stattfindet. Die Kinder sind nämlich viel lernfähiger, als es ihre Eltern ihnen gewöhnlich zugestehen. Mit den Beziehungen zwischen Altersgenossen ist natürlich nicht anders als mit den Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Wenn die Eltern ihr Kind übermäßig pflegen, waschen, desinfizieren und schon bei einem gewöhnlichen Schnupfen zum Arzt bringen, der ihm starke Medikamente verschreibt, schwächen sie dadurch seinen natürlichen Abwehrmechanismus für sein ganzes Leben, und Krankheiten wie Allergien, Asthma und sonstige Überempfindlichkeitserscheinungen werden seine ständigen Begleiterinnen sein. Wir sollen nicht vergessen, dass unsere Millionen Jahre lange Entwicklung ein Heranwachsen bedeutet, das unter Schmutz und in Gegenwart zahlreicher schädlicher Einwirkungen stattfindet, und dass wir trotzdem überlebt haben. Unser Körper ist nach wie vor gut darauf vorbereitet, denn für eine Änderung der genetischen Erbanlage ist ein viel längerer Zeitraum als jener erforderlich, der seit damals verstrichen ist, als wir noch gesunde und widerstandsfähige Kinder waren, die sorgenlos auf schmutzigem Boden spielten. Einen entsprechenden Beweis dafür liefert uns schon der Vergleich der Gesundheit der Kinder von übermäßig sorgfältigen und sauberen Eltern mit der Gesundheit der Kinder von Eltern, die sich um die Sauberkeit nicht viel kümmern – so wie es während der Entwicklung des Menschen in den letzten einigen Millionen Jahren war.
Diese Immunüberempfindlichkeit gefällt merkwürdigerweise einem der Verstände sehr, nämlich der Ratio, die mit ihrer Denkweise in der Lage ist, auch die natürliche Anfälligkeit zu meistern, denn sie kann Medikamente entwickeln, die Krankheiten überwinden. Die Gesellschaft wird auf diese Weise immer mehr von der Macht dieses Verstandes abhängig. Der Instinkt, der mit seiner Denkweise der Angst vor allfälligen Gefahren und somit auch der Angst vor Krankheiten unterliegt, unterwirft sich dabei sehr der Ratio.
Der Leser soll auf das Verhalten der Arbeiter von Kaira während ihrer Geburtstagsparty achten. Weil jeder von ihnen seinen eigenen Charakter, seine eigene Denkweise, seine Werte und Weltansicht besitzt, schalten sie sich auch unterschiedlich ins Geschehen ein. Die meisten Schwierigkeiten hat dabei Tin, etwas weniger Georg, indem sich Rem ausgezeichnet unterhält und sich überhaupt keine Sorgen um die dabei anfallenden Schäden macht. Im Unterschied zu Tin und Georg versteht sich Rem auch mit Kairas Vater ausgezeichnet und befürwortet seine mit dem Bau des Hauses von Kaira zusammenhängenden Ideen. Daraus resultiert ein nur noch engerer Zusammenhalt zwischen Georg und Tin, und wenn Kaira ein Haus will, das sich von dem ihres Vaters unterscheiden soll, dann muss sie auch den Plan von Georg und die Ängste von Tin mit in Betracht ziehen.
Alle Eltern sollten nicht vergessen, dass die jugendliche Sehnsucht nach Einzigartigkeit der eigenen Welt und des eigenen Hauses die natürlichste Sache der Welt ist. Das Schaffen einer Welt nach einer eigenen und nicht fremden Vorstellung bildet die Grundlage für die spätere Selbstannahme. Eltern, die ihren Kindern ihre eigenen Welten aufdrängen, vereiteln ihnen dadurch oft die Möglichkeit, später im Leben sich selbst anzunehmen und lieb zu gewinnen.
Der zwischen den Verständen ausgetragene Kampf um die Macht während des Heranwachsens trägt auch daran Schuld, dass Jugendliche oft müde und ohne Lebensenergie sind, dass sie des Öfteren ähnliche Symptome wie depressive Menschen aufweisen und reizbar sind. Das ist freilich nichts anderes als eine Folge der Spannungen, die die Verstände zu dieser Zeit untereinander haben. Wenn das Kräfteverhältnis einmal festgelegt worden ist, finden sich die Verstände gewöhnlich mit ihrer Rolle ab, und Pubertätsschwierigkeiten verschwinden so, wie sie gekommen sind. Es ist auch interessant, dass die Heranwachsenden auf ihrem Weg Sachen, Tätigkeiten, Idole und vieles andere mehr entdecken, was in ihren Köpfen einen Waffenstillstand zwischen den Verständen herbeiführt, und sie werden deswegen von diesen Sachen so sehr angezogen, dass sie, so zu sagen, eine Weile nur für sie leben. Bei einer eingehenderen Betrachtung dessen, wodurch Jugendliche begeistert werden, lässt sich feststellen, dass das immer etwas ist, was mit dem Ursprung des Streits zwischen ihren Verständen zusammenhängt. Eltern, die ihren Kindern ihre eigenen Welten aufdrängen, sollen daher nicht überrascht sein, wenn ihre Kinder meist eben dadurch glücklich gemacht werden, was sie selbst am wenigsten gewünscht oder sogar zu verhindern versucht haben. Das ist nämlich die Antwort der Kinder auf eine zu große Ähnlichkeit zwischen ihrem Haus und dem Haus ihrer Eltern, die nun notwendigerweise zu beseitigen ist.
Wegen der zunehmenden Macht des Instinkts in Kairas Leben fängt auch ihr Charakter bald an, sich zu wandeln. Am besten ist das aus der Schilderung des Beginns des neuen Schuljahres ersichtlich. Obwohl sich Kaira noch nie Sorgen darum machte, ob sich die anderen über sie unterhalten und sie hinter ihrem Rücken verleumden, hat sie nun in der Tür des Schulzimmers das Gefühl, von allen angestarrt zu werden, und zwar eben wegen ihrer Geburtstagsparty. Das kommt ihr in Wirklichkeit nur so vor, denn die Kinder haben Kairas Geburtstag in der Tat schon längst vergessen. Aber der Instinkt vermag durch seine Macht auch die Vorstellungen eines Menschen zu ändern. Ganz unbewusst werden von solch einem Menschen andere Menschen und Ereignisse ganz anders angesehen, verstanden und aufgefasst als von solchen, die das alles mittels der Ratio oder der Emotio betrachten. Ein Mensch, bei dem der Instinkt vorherrscht, glaubt eben an dessen Wahrheit, und dementsprechend ändert sich freilich auch sein Verhalten.
Der Instinkt ist nicht nur schwarzseherisch, sondern auch schöpferisch. Weil er mühelos auch ungewöhnliche Zusammenhänge hervorbringt, sind seine Reaktionen oft geistreich. Kaira eckt mit ihrer geistreichen Antwort bei der Lehrerin an, also bei demjenigen Glied des gegenwärtigen Schulsystems, von dem die Welt der Ratio vertreten wird, die einer solchen Denkweise völlig abhold ist, und wird deshalb mit einer ungenügenden Note bestraft. Hier begegnen wir einer ursprünglichen Schwierigkeit des Schulsystems. Dieses ist nämlich so eingestellt, dass es Denken, Werte und Fähigkeiten des Instinkts und der Emotio unterdrückt und die Denkweise der Ratio verherrlicht und dadurch ermöglicht, dass auf der gesellschaftlichen Leiter gerade Menschen mit vorherrschender Ratio am leichtesten aufsteigen. Dadurch wird in unserer Gesellschaft auch die vollkommene Übermacht dieses Verstandes abgesichert.
Kaira lehnt die Welt ihres Vaters ab; das heißt, dass sie anfängt, auch alles abzulehnen, was mit dieser Welt irgendwie zusammenhängt. Sie lehnt auch ihr geliebtes Schwesterchen ab, indem sie nicht mehr in seinem Gesellschaft gesehen werden möchte. Das weist darauf hin, wie stark ihr Wunsch nach einer eigenen Welt ist und wie schwer es ist, eben deswegen einen heranreifenden Jugendlichen zu verstehen.
Kaira bekommt endlich ihren Busen; die Bedeutung, die dem von ihren Leuten beigemessen wird, gibt Kaira zu ahnen, dass das wirklich eine wichtige Sache ist. Dass der Baugenehmigung eine so große Wichtigkeit beigemessen wird, ruft den Widerspruch von Eros hervor, der dieses Mal von den anderen überstimmt wird. Menschen, die während ihres Heranwachsens den Dingen von geringerer Bedeutung unter dem Einfluss der Umgebung große Bedeutung einräumen, schaffen sich dadurch Leinwände, auf die sie später ihre Kulissen malen. Wenn ein solcher Mensch sich selbst nicht annehmen kann, dann fängt er an, nach den Gründen dafür zu suchen, und ganz unwichtige Dinge, denen von der Gesellschaft Wichtigkeit beigemessen wird, werden zum Grund für die Verdeckung der Wahrheit der eigenen Welt. Eine Frau, die sich selbst nicht annimmt, aber sich nach der Anerkennung ihrer Attraktivität sehnt, würde in einem solchen Fall sehr bald zu dem Schluss gelangen, dass sich die Größe ihres Busens sehr stark darauf auswirkt, von anderen attraktiv gefunden zu werden.
Der Innenhof des Vaters ist ein Sinnbild des männlichen Geschlechtsorgans. Als seine Tochter begann, sich zur Frau zu wandeln, wurde er ein wenig eifersüchtig. Er vergaß nämlich seine Jugendzeit und die Denkweise der vor Energie strotzenden Jugendlichen noch nicht.
Obwohl der Ansatz des Buches dem aufmerksameren Leser an dieser Stelle schon klar ist, gilt es trotzdem zusätzlich auf einige Details im Verhalten der Gehilfen von Kaira, also ihrer drei Verstände, hinzuweisen. Georg ist die Ratio, Rem die Emotio und Tin der Instinkt. Bei Rem und Tin weist schon der Name durch seine beiden letzten Buchstaben darauf hin, mit welchem Verstand wer verbunden ist, während Georg in dieser Hinsicht eine Abweichung darstellt. Das ist jedoch kein Zufall. Georg hieß nämlich der eingebildete Freund des Mädchens, das die Heldin der Geschichte von Kaira ist – unsere Heldin umgab sich in ihrer Kindheit mehrere Jahre mit ihm, sie unterhielt sich und spielte mit ihm, bis er eines Tages mysteriös für immer verschwand. Die Erscheinung von eingebildeten Freunden ist bei Kindern nicht selten. Die Eltern solcher Kinder sollen jedoch darauf achten, denn sie können an den Merkmalen einer solchen Gestalt den Charakter desjenigen Verstandes erkennen, der sich dem Kind in dieser Zeit besonders stark angleicht.
In der Gedankenwelt, in die Eros hier gelangt ist, stellt Kairas Gestalt das Ego des Mädchens dar, das in Wirklichkeit über keine eigene Denkweise verfügt. Alle Überlegungen, Ansichten, Überzeugungen, Auffassungen und Werte von Kaira entstammen ausschließlich Georg, Rem und Tin. Obwohl sich Kaira im Laufe der Geschichte ebenbürtig in die Gespräche mit anderen einschaltet, sind all ihre Worte in Wirklichkeit die Gedanken jenes Gehilfen, dem sie im gegebenen Augenblick am meisten vertraut. Dieses jeweilige Vertrauen von Kaira, das sie einem von den drei Verständen schenkt, ist jedoch nichts anderes als das Ergebnis der Anpassung ihrer drei Verstände mit ihren Denkweisen an das Geschehen, denn das Ego ist bloß ein vom LEBEN geschaffenes Konzept.
Bis der Wunsch nach einer selbstständigen Gestaltung des eigenen Hauses in Kaira reif geworden ist, ist Rem in ihrer Welt sehr erfolgreich, denn er versteht sich ausgezeichnet mit ihrem Vater, bei dem die Emotio ebenso Schlag hat. Erst der gemeinsame Wunsch aller drei Verstände nach einer eigenen Welt und einem einzigartigen Haus fängt an, ihren Freund Rem, d. h. ihren Verstand Emotio, immer mehr in den Hintergrund zu verdrängen. Weil der Instinkt und die Ratio im Vater die Gefahr sehen, die ihnen den Bau des Hauses nach ihren eigenen Vorstellungen vereiteln könnte, verleiht das ihnen neue Kräfte, damit sie sich über Kairas Emotio erheben. Rem verteidigt in der Geschichte ununterbrochen die Standpunkte und Handlungen des Vaters. Weil er im Vater keine Gefahr sieht – ihre Ansichten weisen wegen ihrer gemeinsamen Denkweise keine Unterschiede auf –, vermisst er die Zeiten, als der Vater in der Welt des Mädchens das einzige Vorbild war.
Obwohl die drei Freunde von Kaira die ganze Zeit folgerichtig als die von ihnen vertretenen Verstände denken, weist Rem Kaira auf Seit 232 darauf hin, dass ihr Verhalten nicht mit dem guten Ton im Einklang gestanden habe. Der gute Ton ist nichts anderes als eine der Erfindungen der Ratio, da es sich dabei doch um festgelegte Umgangsregeln handelt. Rem (die Emotio) kann sich deswegen mit dem guten Ton natürlich nicht identifizieren, was hier als ein Widerspruch erscheint, aber der gute Ton taucht hier keinesfalls zufällig auf. Rem als die personifizierte Emotio erwähnt den guten Ton nur, um dadurch anzudeuten, dass die Denkweise von Georg bzw. der Ratio im Verhältnis zum Vater in diesem Moment sogar mit Werten im Widerspruch steht, die ansonsten von Georg vertretenen werden.

Eltern versuchen ihren Kindern ihre eigene Welt oft so aufzudrängen, dass sie über ihre andersartigen Ansichten die Nase rümpfen, wenn sich die Kinder gegen dieses Aufdrängen auflehnen. Die in solchen Momenten ausgesprochenen und für die Eltern unwichtigen Spottwörter prägen sich die Jugendlichen sehr gut ein, und daraus keimen später alle Widerstände und Trotzreaktionen empor, von denen die Eltern oft sehr überrascht werden, denn sie vergessen, dass sie eben von ihnen ausgesät wurden. Der Vater rümpft so seine Nase über Kairas Idee von einer Dachterrasse. Kaira stört auch seine Bemerkung mächtig, dass die Terrasse an die Bestattung eines wichtigen Staatsmannes erinnern würde. Aus dieser unwichtigen Bemerkung entwickelt sich später in Kairas Welt die Begeisterung über den Kommunismus, obwohl das Mädchen diese gesellschaftliche Ordnung nicht einmal kennt und erst recht nicht versteht. Drei Standbilder, die Statuen der Staatsmännern, über die sich das Mädchen begeistert, ohne dass sie von ihnen schon einmal gehört hätte, symbolisieren ihren Aufstand gegen den Vater, wobei es lediglich um das Trotzen geht und nicht um eine Annahme der politischen Ansichten und Staatsführer.

Der Vater hilft Kaira bei der Abdichtung der Terrasse und verkennt dabei den Zweck der Öffnung, die Georg zum Wasserabfluss vorgesehen hat. Der Vater und Rem verstopfen die Öffnung, und deswegen gibt es später im Haus eine Überschwemmung. Der Vater sieht zunächst nicht ein, dass eben er daran schuld ist, und wirft Kaira sogar vor, dass sie ihm hätte zuhören sollen, da er mit Dächern doch weit mehr Erfahrungen habe als sie. Die Lehre dieser Geschichte ist, dass wir alle Fehler machen und dass es wichtiger ist, aus den gemachten Fehlern zu lernen als überhaupt keine Fehler zu machen. Eben aus diesem Grund sollen die Kinder aus ihren eigenen Fehlern lernen, denn sie werden nur so ihre Welt verbessern und ein festes Haus aufbauen können, ein solches nämlich, dass sie damit auch zufrieden sein werden.
Das Leben lehrt uns auch, das wir sowohl zu unserem eigenen Wohlsein als auch zum Wohlsein der anderen handeln sollen. Das bedeutet, dass wir nicht eigennützig denken sollen. Auch Eltern, die ihrem Kind ununterbrochen nur geben, können eigennützig sein, sehen aber ihren Eigennutz überhaupt nicht ein. Nur wer gibt und dabei keine Erwartungen hegt, der gibt uneigennützig. Deswegen wird hier auch die folgende Weisheit angeführt: »Was du von uns beiden bekommen hast, bist du deinen Kindern und nicht uns schuldig. Du hast aber keinen Anspruch darauf, von deinen Kindern irgendwas zu verlangen, denn sie sind dir nichts schuldig.«
Diese Erkenntnis ist für die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern von äußerster Bedeutung, aber es gibt nur wenige Menschen, die diesen Grundsatz in Wirklichkeit auch verstehen und danach ihr Leben führen. Dabei liegt die Schwierigkeit auch im verdeckten Eigennutz, dem zweckgebundenen Geben, aber die Eltern, die auf diese Weise geben, sind sich dessen oft nicht bewusst. So kommt es nicht selten vor, dass die Eltern ein großes Haus aufbauen, mit ausreichend Raum, damit darin auch die Kinder mit ihren Familien wohnen könnten. Obwohl die Eltern dabei manches aufopfern und den Zweck verfolgen, ihren Kindern ein möglichst leichtes Leben zu sichern, liegt auch da Eigennutz vor, verdeckter Eigennutz, denn durch ihre Aufopferung wollen sie sich in der ersten Linie die Nähe ihrer Kinder und damit auch die Versorgung in ihrem Alter sichern. Solche Eltern erwarten von ihren Kindern Dankbarkeit, und wenn diese wegziehen, sind sie zutiefst darüber enttäuscht und betroffen. Weil sie sich mit dieser Tat ihrer Kinder nicht abfinden können, wälzen sie die Schuld dafür meist auf ihre Partner ab, in denen sie nunmehr einen verdeckten Feind sehen. Eltern, die ihr Alter in der Nähe ihrer Kinder verbringen wollen, erreichen das am leichtesten so, dass sie selbst uneigennützig ihre Eltern pflegen, wenn diese alt geworden sind. Die Pflege der Eltern, von denen man Erbe erwartet, ist ebenso eigennützig! Andererseits gibt es Eltern, die durch eigennützige Enterbung ihrer Kinder riskieren, in ihrem nächsten Leben eben ihren Nachkommen in wirtschaftlich bescheidenen Verhältnissen geboren zu werden. Etliche Eltern, die in ihrer Welt planen, im Alter von ihren Kindern gepflegt zu werden, werden erkennen, was der folgende Spruch bedeutet: »Wenn der Mensch plant, hat das LEBEN was zu lachen.«

Kaira veranstaltet eine Party und lädt alle ein, die in der Schule etwas darstellen. Diese übermäßige Verherrlichung des Ansehens der Gesellschaftsmitglieder und die Herabsetzung ihres Wertes sind ein Zeichen der eigenen Nichtannahme. Der Wunsch nach Gefallen und Umgang mit wichtigen Menschen entspringt dem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Auch Kaira ist überzeugt, sie werde durch ihre Aufnahme in die gehobene Gesellschaft den Weg zur Annahme ihrer eigenen Welt finden. Aber die Selbstsicherheit rührt nicht von der Vollkommenheit unserer Welten, sondern von der Annahme der Unterschiede zwischen den Welten und ihrer Unterschiedlichkeit her.
Eros bietet dem Mädchen in der Party anstatt des gewünschten alkoholischen Getränks gewöhnliche Limonade an. Weil er sich keine Sorgen darüber macht, wie das Mädchen das angebotene Getränk annehmen wird, läuft alles gut ab. Kaira erkennt dabei, dass es viel besser ist, mit eigenem Kopf zu denken als blindlings andere nachzuahmen, obwohl der Preis dafür die Nichtaufnahme in ihre Gesellschaft sein kann. Kaira lehnt die angebotene Zigarette ab. Das ist das Zeichen, dass sie die Botschaft von Eros verstanden hat.

Bei Kairas Versuch, eine Flasche mit alkoholischem Getränk aus dem Schrank der Großmutter in die Party zu schmuggeln, wird es dem Vater zu viel. Aber in Wirklichkeit gibt er der Tochter die ganze Zeit nur nach, weil er hofft, dadurch die Spannungen in ihrer Beziehung glätten zu können. Jetzt kriegt er Angst, die Zügel nicht mehr in der Hand zu haben, und beschließt deswegen, Kaira die Grenzen zu zeigen. Er will sie vor Gefahren beschützen. Aber Kaira versteht seine Reaktion anders: Sie stellt für sie nur ein erneutes Aufdrängen seiner Werte dar, und sie lehnt sich entschlossen dagegen auf.
Dem Vater, der sich so sehr bemüht, sorgfältig und auch verständnisvoll zu sein, wird es beim Anblick der Aufschrift auf der Fassade seines Hauses bange ums Herz. Er hat sich ja immer nach seinen besten Kräften bemüht, ist aber dennoch dorthin geraten, wo er nie zu landen hoffte – seine Tochter hasst ihn. Und damit kann er sich nicht abfinden.
Während des Besuchs im Krankenhaus wird eine Kleinigkeit offenbar, die wir der Welt von Kaira bisher nicht haben entnehmen können und die die wirkliche Weisheit und Größe des Vaters zeigt: Zara erwähnt, dass sie in der Schule damit aufgezogen wird, ihr Vater sei ja so reich. Das ist wahr, und die Mitschüler und Mitschülerinnen beneiden sie deswegen, denn sie bringen aus ihrem Zuhause einzelne Bruchteile der Welten ihrer sich selbst nicht annehmenden und somit Zaras Vater beneidenden Eltern mit. Der Vater ist nämlich ein äußerst erfolgreicher und folglich auch wohlhabender Geschäftsmann und erzieht seine beiden Töchter so, dass er ihrem Vermögenszustand keine besondere Wichtigkeit beimisst. Die Welten, die auf diese Weise Kaira und Zara erschaffen konnten, bleiben also von materiellen Werten völlig unbelastet. Nur so konnte er seinen Töchtern gewährleisten, dass sie nie im Schatten seiner Erfolge leben würden. Das weist auch auf Vaters Annahme seiner eigenen Welt hin, was zugleich auch die Voraussetzung dafür ist, dass er und seine Frau die wahre Liebe entdecken und ihren Kindern eine beinahe vollkommene Erziehung sichern konnten.
Eros sitzt im Krankenzimmer auf dem Nachtkasten neben dem Kopf des Vaters von Kaira. In Wirklichkeit liegt da nur das Buch, in dem Eros lebt. Dem Umstand, dass Eros die Welten der Menschen durch ein Buch betritt, das sie lesen, begegnen wir in der Folge noch einige Male.
Eros offenbart dem Vater, wie dem Kind das zu geben ist, was es zu einem glücklichen Leben braucht. Eine gute Erziehung liegt in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Erwartungen, Lob und Bestrafung. Dadurch wird auch die Schwierigkeit der gesamten Gesellschaft dargestellt, da unsere Zukunft doch von der Erziehung abhängt, die unseren Kindern zuteilwird. Im Gespräch zwischen Eros und dem Vater steckt eine sehr wichtige und genaue Aufzeichnung, die den Weg zu einer Gesellschaft enthüllt, in der Liebe herrschen wird. Eltern, die sich selbst nicht annehmen, geben ihren Kindern oft mehr, als für sie gut ist, und erwarten von ihnen weniger, als erforderlich ist. Auf diese Weise erziehen sie nur unselbstständige Nachkommen, die im Leben weder für sich noch für andere Sorge tragen können und deswegen auch unglücklich sind, da sie sich stets nach Unerreichbarem sehnen und mit nichts wirklich zufrieden sind. Und eine Gesellschaft, die sich aus solchen Menschen zusammensetzt, bildet den ersten Schritt hin zum Untergang der Zivilisation.
Der General mit dem ebenerdigen Haus ist Napoleon Bonaparte. Der Mann, vor dessen Veranda nur ein Nussbaum wuchs, ist Adolf Hitler, denn es ist bekannt, dass er nur einen Hoden hatte.
Wenn der Vater heimkehrt, überrascht Eros ihn mit der neuen Farbe seines Hauses. Diese neue Farbe gefällt ihm zwar, aber er spürt bei dieser Änderung doch ein gewisses Unbehagen. Eros übermittelte ihm auf diese Weise die Botschaft, dass es unannehmbar ist, wie er seine Ansichten fremden Welten aufdrängt, sei es auch noch so gut gemeint.

Der Pferdeapfel, in den Kairas Vater getreten ist, stammt von Liktor, und das ist ein Anzeichen dafür, dass Ares sich schon wieder auf die Spur von Eros gesetzt hat.

Die Welt von Filito stellt die ursprüngliche Welt des Menschen dar, die sich Millionen Jahre hindurch im Einklang von Natur und Gesellschaft vervollkommnet. Sie bildet als solche die Grundlage für das Verständnis aller modernen Welten und auch des Buches [Psi]. Filitos Welt ist nach dem Maß des Menschen geschaffen, während die moderneren Welten den Ausdruck von verhältnismäßig kurzfristigen und erst einige Tausend Jahre alten Veränderungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft bilden. Somit handelt es sich bei diesem letzten Zeitraum im Vergleich zur langen Geschichte der Gestaltung der menschlichen Natur um eine sehr kurze Zeitspanne. Wer diese Geschichte beim Lesen angesichts der sich ihm dabei offenbarenden Erkenntnisse besonders genossen hat, spürt wohl, dass sie eine gerechte Gesellschaft schildert, in der absolute Achtung der Ebenbürtigkeit der drei Verstände herrscht, wie sie in der Gesellschaft herrschte, bevor die Menschen die Liebe verloren hatten. Filitos Welt stellt unsere wahre Natur dar, eine Welt, für die wir in Wirklichkeit erschaffen wurden und in der wir glücklich leben würden, wenn es im Zuge der Entwicklung der modernen Gesellschaft nicht zu einem Kampf zwischen den Verständen um die Vorherrschaft gekommen wäre. Eines der wichtigeren Themen, die in diesem Kapitel erörtert werden, ist die Auffassung von Sexualität. Diese findet deswegen eine eingehendere Erörterung am Schluss dieser Erläuterungen.

Es mag dem Leser auf den ersten Blick scheinen, dass das Geschehen dieser Geschichte in der Steinzeit spielt, die einen Meilenstein zwischen der langen Epoche der langsamen Entwicklung des Menschen und der modernen, durch die raschen gesellschaftlichen Änderungen geprägten Zeit darstellt. Aber auch Filito lebt wie alle anderen Gestalten in diesem Buch in der modernen Zeit. Für einen Leser, der daran gewöhnt ist, alles aus seiner eigenen Welt heraus zu betrachten, die dazu für ihn auch die einzige Wahrheit darstellt, sind Sinnbilder in dieser Welt oft irreführend. Um ihn darauf hinzuweisen, dass es sich doch bloß um Unterschiede in der Auslegung und Auffassung unserer Gedankenwelten handelt, erscheinen in der Geschichte mancherorts Anachronismen – für unsere, moderne Zeit typische Sachen.

Der Schauplatz dieser Welt ist ein kleiner Ort, an dem ich mich zur Entstehungszeit dieses Buches zufälligerweise vorgefunden habe. Filitosa auf der französischen Mittelmeerinsel Korsika ist ein archäologischer Fundplatz aus der frühen Jungsteinzeit, und nach ihm wurden auch der Held dieser Geschichte und seine Auserwählte benannt. Wer Filitosa besichtigt und sich in dem beim Fundplatz errichteten Museum die aufbewahrten Gegenstände anschaut, der findet da auch alle in Filitos Welt beschriebenen Details außer der diesem Ort im Buch zugeschriebenen blauen Glasur.

Der Welt von Filito wird im Buch auch eine recht besondere Rolle zugewiesen. Sie stellt die ursprüngliche, reine und unverdorbene Natur des Menschen dar und dient somit als Ausgangspunkt für alle anderen Welten, denn durch den Vergleich dieser Welt mit anderen Welten lassen sich die aus dem zwischen den Verständen ausgetragenen Kampf um die Vorherrschaft sich ergebenden Abweichungen innerhalb einer Gesellschaft ermitteln. Weil es sich dabei um Jahrtausende währende Prozesse handelt, gibt es in unserer heutigen Auffassung der Gesellschaft viel Vernebeltes – wir sind etwa nicht länger in der Lage festzustellen, was unsere Natur ist und was wir durch unser blindes Befolgen des jeweils herrschenden Verstandes in unserer Natur geändert oder sogar völlig verloren haben. Diese jahrtausendelang ausgetragene Schlacht der Verstände um die Vorherrschaft in der Gesellschaft war und bleibt nach wie vor unerbittlich. Von jedem Verstand, der es in einer bestimmten Epoche schaffte, an die Herrschaft zu gelangen, wurden kompromisslos Mechanismen geschaffen, die ihm die Übermacht über die beiden anderen Verstände für immer sichern sollten. Die Folgen dieser Mechanismen sind Verblendung, verfälschter Weltblick, verzerrte Vorstellungen, Wertewandel und nicht zuletzt auch die Kulissen, die von Menschen errichtet werden, die ihre eigenen Welten nicht annehmen können. Erst das Verständnis dieser Mechanismen gewährt uns den Einblick in die wirklichen Schwierigkeiten unserer Gesellschaft und damit auch die Möglichkeit zur Wiederherstellung einer gerechten Gesellschaft, einer solchen nämlich, von der Ebenbürtigkeit der Verstände, Annahme der Welten und Rückkehr der verloren gegangenen Liebe ermöglicht werden.

Die Schlinge, in der sich Filito am Anfang der Geschichte fängt, stellt eine Falle dar, in der sich die moderne Gesellschaft gefangen hat. Filito hängt mit dem Kopf nach unten, gefangen und hilflos, genauso wie auch die moderne Welt auf dem Kopf steht, in der sich der Mensch mit seiner ursprünglichen Natur vorfindet. Der junge Mann ist von kleinem Wuchs – dadurch wird veranschaulicht, dass seine Welt aus einer Zeit stammt, als die Menschen weit kleiner als der gegenwärtige Mensch waren. Sein Körper ist muskulös und harmonisch gebaut, geschaffen für körperliche Betätigung, was auf die vormals von Jägern und heute von Sportlern geführte gesunde Lebensweise hinweist. In weiterer Folge wird auch klar, dass eben körperliche Betätigung Grundvoraussetzung für die Gesundheit jeder Welt ist. Jagd und Sport sind Betätigungsfelder der Emotio, weil aber in dieser Gesellschaft auch der Instinkt und die Ratio ebenbürtig herrschen, kommt in der Erzählung auch der blauen Glasur eine Rolle zu, die für die Gesellschaft eine zumindest ebensolche Bedeutung wie die Jagd hat. Die blaue Glasur sicherte dem Lager dank der Denkweise der Ratio gewisse Vorteile, denn sie eröffnete eine neue, andere Einkommensquelle und damit auch eine bequemere Lebensführung. In Filitos wirklicher Welt symbolisiert diesen Teil der Ratio der professionelle Sport, indem der Instinkt hier durch eine Frauengruppe vertreten wird, die sich um Haus und Nachwuchs kümmert.

Filito ist sich am Anfang der Einzigartigkeit seiner Welt nicht bewusst und erschrickt deswegen zunächst vor der Gestalt, die er im Spiegel von Eros erblickt. Aber die Wahrheit ist für ihn nicht unannehmbar, im Gegenteil, bald schon gefällt er sich selbst. Zu diesem Wandel kommt es, da er Vertrauen zu Eros gewinnt.

Auf ihrem Weg ins Lager beobachten Eros und Filito eine Weile aus sicherer Entfernung die Mannweiber. Diese Frauengruppe übt die Jagd, die in der Welt des jungen Mannes allerdings den Männern obliegt. Der junge Mann erklärt Eros, dass Jäger und Mannweiber einander nicht mögen, wobei seinen Worten zu entnehmen ist, dass er dieser Frauengruppe jedoch auch Achtung entgegenbringt. (Die Mannweiber sind in Filitos Welt eine Metapher für die weibliche Fußballmannschaft aus seiner wirklichen Welt.)

Filito offenbart Eros eine nicht unerhebliche Kleinigkeit im Zusammenhang mit der Rolle der Emotio in der Entwicklung der Gesellschaft. Die Rolle der Emotio war zunächst sehr wichtig, weil sich die Menschen nur schwer durch das Leben schlugen. Die mit der Entwicklung der Ratio einhergehende Entwicklung der Technik eröffnete Möglichkeiten zur Anwendung von Werkzeugen und ihrer Vervollkommnung, was der menschlichen Gesellschaft eine größere Wirksamkeit in ihrem Kampf ums Überleben verschaffte. Das Bedürfnis nach Entwicklung der Ratio rührte von einer verhältnismäßig schlechten Angepasstheit an die Umwelt her, die sich schneller zu ändern begann, als der menschliche Körper durch genetische Verbesserungen ausgleichen konnte, die eine langsame, langfristige Form von Körperveränderungen erforderten. Eben dieses dritte Konzept des Verstandes, das ursprünglich aus dem Bedürfnis nach Zusammenschluss einzelner Lebewesen zu Gruppen entstand, erwies sich als wirksamste Form der Anpassung an rasche Veränderungen. Die Ratio bildet nämlich den Verstand, der kraft seiner logischen Denkweise eine Anpassung der Umwelt an den Körper und nicht umgekehrt möglich macht. Diese Form der Anpassung der Umwelt erzielte ihre höchste Entwicklungsstufe eben beim Menschen, der sich dadurch allmählich der Herrschaft über die anderen Lebewesen bemächtigte, obwohl diese zunächst körperlich viel besser der Umwelt entsprachen – bei ihnen gab es nämlich eben deswegen kein solches überlebensbedingtes Bedürfnis nach Entwicklung einer fortschrittlichen Ratio.

In Filitos Welt wurde die Arbeit der männlichen Mitglieder der Gesellschaft, denen die Jagdausübung oblag, durch die Entwicklung der Ratio und günstige Klimaverhältnisse erheblich erleichtert, wobei die Emotio diesen Umstand fleißig ausnutzen und sich eher der Befriedigung der eigenen Lüste und dem Wunsch nach Unterhaltung als der Sicherung gemeinsamer Bedürfnisse widmen konnte. Das ist freilich auch aus der Aufzählung der Tätigkeiten ersichtlich, denen die Männer während der Jagd nachgehen.

Damit der Leser die ursprüngliche Natur des Menschen begreift, muss er Verfassung und Funktionieren der anhand des Lebens im Lager veranschaulichten Gesellschaft von Filito genauestens verstehen. Dieses Verständnis ermöglicht es uns nämlich, auch die modernen persönlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zu verstehen, denn sie sind ja nichts anderes als eine Folge der Abweichungen von dieser ursprünglichen Verfassung, für die wir geschaffen worden sind und die unsere grundlegende Natur und das Lebensgleichgewicht bildet.
Die Gesellschaft im Lager weist eine soziale Organisation auf – die Menschen sind im Umgang miteinander rücksichtsvoll, und es lässt sich dabei spüren, dass sie sowohl sich selbst als auch den anderen annehmen. Und eben die Selbstannahme der meisten Bewohner trägt auch das Verdienst daran, dass es im Lager weder Gier noch Neid noch übertriebenen Wetteifer gibt. Die Nahrung wird immer so verteilt, dass alle genug erhalten, und jenen, die sich bei der Jagd besonders verdient gemacht haben, wird noch ein Zubrot erteilt. Die Menschen sind in ihrem Denken, ihren Gefühlsäußerungen und ihrem Wollen völlig frei. Die Andersartigkeit anderer stört sie nicht, und sie versuchen deswegen auch nicht, die anderen irgendwie zu ändern – sie in Einklang mit ihrer eigenen Denkweise zu bringen. Damit der Leser erkennen kann, was Nichtannahme für die moderne Gesellschaft bedeutet, werden in Filitos Welt auch einige sich selbst nicht annehmende Personen dargestellt. Diese verkörpern sämtliche Schwierigkeiten, mit denen sich unsere, moderne Welt auseinandersetzt, aber in der Erzählung nehmen sie wegen der allgemeinen Annahme innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft keinen erheblichen Einfluss auf das Leben im Lager.

Die Gesellschaft setzt sich aus Gruppen zusammen, die sich nach den zu verrichtenden Aufgaben bilden. Die meisten Männer sind Jäger. Dieser männlichen Gruppe ist gemeinsam, dass die Emotio als ihr wichtigster Verstand über sie herrscht. Die meisten Frauen sind Nahrungssammlerinnen. Sie halten sich die meiste Zeit im Lager auf und kümmern sich um Haus und Nachwuchs. Der wichtigste Verstand dieser Gruppe ist der Instinkt. Weil die Verteilung der führenden Verstände bei Männern und Frauen auch in der modernen Zeit die gleiche bleibt, lässt sich daraus schließen, dass eine wichtige Rolle dabei wohl die Erbmasse spielt.

Eine kleinere Männergruppe nimmt an der Jagdausübung nicht teil. Bei diesen Männern bildet nicht die Emotio den vorwiegenden Verstand. Zum andern befasst sich eine kleinere Frauengruppe mit der Jagd – die Emotio hat somit sowohl bei ihnen als auch bei den meisten Männern Schlag. Weil die führenden Verstände bei den beiden Geschlechtern nicht gleich verteilt sind, lässt sich die Denkweise der Emotio als typisch männlich und die Denkweise des Instinkts als typisch weiblich betrachten. Solche Einteilung in eine typisch männliche, und eine typisch weibliche Denkweise bildet jedoch nur einen Rahmen, denn es gibt auch eine kleinere Gruppe sowohl von Männern als auch von Frauen mit einem führenden Verstand, der sonst für das jeweils entgegengesetzte Geschlecht typisch ist. Unsere Denkweise wird somit nicht durch das bloße Geschlecht bestimmt. Es stimmt allerdings, dass bei Männern die Emotio Schlag hat, indem bei Frauen der Instinkt mit einer größeren Wahrscheinlichkeit das letzte Wort hat. Mittels dieses Schlüssels lässt sich teilweise auch die Behauptung rechtfertigen, dass sich Männer und Frauen durch ihre Denkweise unterscheiden, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass das nur in den meisten Fällen – nicht aber notwendig auch bei jedem Einzelnen – der Fall ist. Die Ratio als führender Verstand ist bei beiden Geschlechtern gleichermaßen vorhanden, und deswegen ist ihre Denkweise für die beiden Geschlechter gleich gerecht.
Die Mehrzahl der Männer verlässt zur Jagd das Lager und richtet sich auf ihrer Wanderung nach dem Mond. Der Mondschein ermöglicht ihnen nächtliche Ortswechsel. Das trägt zur größeren Wirksamkeit der Jagd bei, und es kommen zudem auch beträchtlich größere Jagdgründe in Betracht. Tagsüber können sie sich auf diese Weise den Jagdvorbereitungen und der Jagd selbst widmen. Die Natur trägt dabei auch dafür Sorge, dass eine kleinere Gruppe der an der Jagd nicht teilnehmenden Männer während der Jagdzeit, wenn die meisten Männer nicht zu Hause sind, bei der Befruchtung der Frauen im Lager nicht begünstigt ist. Diese Männer finden so gut wie kein Interesse an den Frauen, und zwar deswegen, weil sie nicht mehr Nachkommen haben wollen als die Jäger, die die Hälfte aller Zeit auf der Jagd und nicht im Lager verbringen. Wie es zu diesem Ausgleich kommt, folgt später.

Filitos Beschreibung der Mannweiber kann entnommen werden, dass die Emotio mit der Wirkung der männlichen Geschlechtshormone zusammenhängt. Eine wichtige Einzelheit im Zusammenhang mit den Mannweibern stellt der Umstand dar, dass dieser Frauengruppe im Lager die gleiche Achtung wie allen anderen entgegenbebracht wird. Während der Ausdruck Mannweib heute eine abwertende Bedeutung hat, bezeichnet er in Filitos Welt bloß eine Gruppe der Frauen, bei denen der gleiche Verstand wie bei den meisten Männern vorherrscht. Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle wohl eine für die moderne Gesellschaft typische Kleinigkeit merken – die Mannweiber sind mit ihrer Stellung im Lager nicht zufrieden. Sie glauben, dass die Männer es leichter haben als die Frauen. Und das stimmt auch in einer Gesellschaft, die wegen des Fortschritts der Technik immer weniger von Jagderfolgen abhängt. Die Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frauen kämpfen nur um den Abbau der Unterschiede, die ein Überbleibsel der Übermacht der Emotio in der Gesellschaft sind. Es ist dabei interessant, dass bei solchen Frauen üblicherweise eben dieser typisch männliche Verstand vorwiegt. Die Bewegungen, die sich für Frauenrechte einsetzen, kommen also vor allem wegen der Emotio zustande, die im Körper einer Frau keinesfalls in der Lage ist, in der Welt der ungerechten Männer, bei denen die Emotio Schlag hat, ebenbürtig nach Erfolgen zu greifen, und das kommt noch besonders dann zum Ausdruck, wenn die Männer sich selbst nicht annehmen. Daraus folgt, dass auch Frauen mit dem Charakter der Emotio sich selbst nicht annehmen. REI zeigt also, wie ungerecht die Gesellschaft gegenüber einigen ihrer Mitglieder ist, und liefert zugleich eine Erklärung, warum es dazu überhaupt kommt. [Psi] setzt sich für die Verschiedenartigkeit, aber zugleich auch für die Ebenbürtigkeit aller Lebewesen ein.
Der abnehmende Bedarf an der Jagd wird von den Männern immer mehr durch andere Betätigungsformen ersetzt; das sind in erster Linie Unterhaltung und verschiedene Sportarten, die sich aus dem Jagdtraining oder Verteidigungs- und Kampftechniken entwickelt haben.

Zwischenmenschliche Beziehungen beruhen in der ursprünglichen Gesellschaft auf gegenseitiger Abstimmung von Interessen, Bedürfnissen und Wünschen. Wenn es dabei zu Überschneidungen kommt, vertrauen die Menschen das Abwägen der Gerechtigkeit einem Häuptling oder Führer an, der in dieser Geschichte als König bezeichnet wird. Seine grundlegende Aufgabe ist das gerechte Abwägen zwischen Interessen und den Werten aller drei Verstände sowie die Sorge um die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen den Werten der Verstände. Solange dieses Gleichgewicht erhalten ist, kann im Lager eine allgemeine Annahme herrschen, und das bildet zugleich auch den Schlüssel zur wahren Liebe.

König Aragen ist ein vernünftiger Führer des Lagers, dem auch die Aufgabe der Erteilung von Gerechtigkeit anvertraut wird. Im Lager genießt er Vertrauen und Achtung. Obwohl er in der Geschichte als König bezeichnet wird, kommt dieser Rolle nicht die gleiche Bedeutung wie in der Gegenwart zu. Aragen ist der Primus inter Pares – er lebt unter den Lagerbewohnern und pflegt Umgang mit allen, für ihn gelten dieselben Regeln wie für alle anderen und er besitzt kein Sondervermögen. Seine Rolle ist eher als die Rolle eines Elternteils, eines Weisen oder eines Richters zu betrachten und nicht als die eines Königs im modernen Sinne dieses Wortes. Aragens Macht beruht ausschließlich auf dem Konsens aller Lagerbewohner, und er braucht sie nie durch Zwang und Einschüchterung aufrechtzuerhalten. Eros begreift in dieser Geschichte nicht, auf wen er in dieser Königsgestalt gestoßen ist. Aragen ist kein anderer als Eros selbst, nur dass es sich hier um Filitos Vorstellung von Eros handelt. Es wird daraus ersichtlich, wie stark sich unsere Welten unterscheiden und dass man in einer fremden Welt nicht einmal sich selbst erkennen kann. Filitos Vorstellung von Eros scheint in einer sehr weit entfernten Vergangenheit zu liegen, aber es kann dem trotzdem entnommen werden, dass sie ihren Ursprung nicht in der Entstehungszeit dieses Buches hat, sondern in einer viel späteren Zeit, was freilich kein Zufall ist.

In der Welt dieses jungen Mannes wird allgemein geglaubt, dass die Wahl des Lebenspartners Sache des ZUFALLS ist. So wird nämlich hier das LEBEN bezeichnet, das über die Zufälle waltet. Wenn der junge Mann davon spricht, wird das Wort ZUFALL mit großen Buchstaben geschrieben, wenn aber bei Eros davon die Rede ist, dann wird das Wort nur mit dem gängigen großen Anfangsbuchstaben, also Zufall, geschrieben. Als Eros die Bedeutung dieses Zufalls begreift, wird dieses Wort auch in seiner Rede mit großen Buchstaben als ZUFALL geschrieben.
Filito erklärt Eros, dass sich die Menschen oft einbilden, dass das Glück, das uns so stark anzieht, für uns auch vorbestimmt ist. Es wird uns jedoch vom LEBEN erst dann gegönnt, wenn wir uns durch die Absolvierung der Schule des Lebens darauf vorbereitet haben. Und genauso ist es auch mit der Wahl eines richtigen Partners.

Dem Gast Eros zu Ehren wird im Lager ein reichliches Abendessen gegeben, an dem außer dem Medizinmann Parten alle Lagerbewohner teilnehmen. Parten stellt in der Welt des jungen Mannes einen Menschen dar, der sich selbst nicht annimmt und böse Absichten hat. Bei ihm haben der Instinkt und die Ratio den Vorrang, und wegen seiner eigenen Nichtannahme zerfressen ihn Neid und Gier. Weil er den Ankömmling nach seiner eigenen Welt beurteilt, hat er auch kein Vertrauen zu ihm und ist überzeugt, dass er mit bösen Absichten gekommen ist. Da er an die Manipulation mit Lagerbewohnern gewöhnt war, gefällt ihm Eros auch deswegen nicht, weil er aus einer fremden Welt kommt und den Spiegel – eine ungewöhnliche und alle Lagerbewohner beeindruckende Platte – mit sich bringt. Parten sieht in dieser Platte bloß ein Manipulationswerkzeug, also etwas, was seinem Mondstein gleicht. An dem Abendessen nimmt er aus Protest nicht teil.
Und obwohl Parten viele unerwünschte Eigenschaften hat, unter denen der Wunsch nach Verkehr mit geschlechtlich unreifen Kindern am auffallendsten ist, bringen ihm die Lagerbewohner die gebührende Achtung entgegen und nehmen ihn so auf, wie er ist. Der Medizinmann wird wegen seiner Eigenschaften nicht aus der Gesellschaft ausgestoßen, und er wird von keinem verspottet, verleumdet oder auf eine andere unehrerbietige Weise behandelt. Andererseits ermöglicht ihm eben das – trotz seiner eigenen Nichtannahme – keine Verwirklichung seines unannehmbaren Begehrens. Und gerade das stellt für alle anderen die Grenze dar, die von ihm nicht überschritten werden darf – andernfalls würde man ihn umgehend verbannen.

Bei den anderen Lagerbewohnern lässt sich im Unterschied zu Parten eine tiefe Selbstannahme erkennen, und das heißt, dass sie sehr tolerant und rücksichtsvoll gegeneinander sind und in ihren Beziehungen stets ohne Mühe einen Mittelweg finden können. Filitos Welt kennt zwar auch Neid, Gier und gesteigerten Wetteifer, aber diese Eigenschaften kommen hier bei den Menschen kaum zum Vorschein. Kennzeichnend für eine Gesellschaft, die sich selbst annimmt, sind sehr wenig wechselseitige Spannungen und unaufgeklärte Beziehungen. Die Menschen setzen sich auch nicht so sehr mit fremden Schwierigkeiten auseinander, was andere treiben, stört sie nicht, sie verurteilen niemand wegen andersartiger Denkweise und urteilen auch nicht über Andersartigkeit. Gegenseitige Achtung der Welten bedeutet Suche nach einem Weg, der jedem Einzelnen ermöglicht, das zu sein, was er ist. Es bedeutet, dass wir uns nach unseren besten Kräften an andere anpassen, nicht nur unsere eigenen Ansprüche geltend machen und nicht nur darüber nachdenken, von wem, wo, wann und wie weit wir benachteiligt wurden. Und in diesem Sinne passt sich Filitos Stamm an die Welt des Medizinmannes an – Kinder spielen zum Beispiel deswegen nicht in der Nähe des Tempels, um das Begehren des Medizinmannes nicht herauszufordern.

All das sichert im Lager das Lebensgleichgewicht, und zwar trotz der sich widersprechenden Werte der drei Verstände und der Unterschiede in ihren Denkweisen.
Das für den Gast im Lager veranstaltete Ritual verbirgt in sich eine ganz besondere Symbolik. Dadurch wird angedeutet, dass auch Rituale, die in einfachen Gesellschaften von Generation zu Generation überliefert werden, wichtige Botschaften übermitteln, die sich eben auf dieselbe Art und Weise erhalten. Wer sich in die REI-Theorie vertieft und sie begriffen hat, der wird in manchen von diesen Ritualen einen tieferen Sinn erkennen, denn es sind eben diese merkwürdigen altertümlichen Rituale jene, die nicht selten eine Wiedererkennung des Wissens aus einer Zeit ermöglichen, bevor dieses Wissen mit der Ankunft der modernen Zivilisation verloren gegangen war.

Im Verhältnis zwischen König Aragen und Königin Sarkene lässt sich die wahre Liebe erkennen. König Aragen stellt den Spiegel in die Mitte zwischen sich und die Königin, sodass sie einander im Spiegel anschauen können. Ihre Welten sind zu einer einzigen Welt vereinigt, deswegen sehen die beiden im Spiegel das Abbild ihrer gemeinsamen Welt. Der König und die Königin gelten im Lager als Vorbild der Vollkommenheit.

Das Lager stellt die Welt der ursprünglichen Gesellschaft dar, wobei man in dieser Gesellschaft mit dem Wirken des LEBENS und den Naturgesetzmäßigkeiten viel eingehender vertraut ist, als wir das heute sind. Das Wissen dieser Menschen ist im Sinne heutiger Wissenschaften nicht tief, ihr Verständnis vom LEBEN, das seinen Ausdruck in Sinnbildern findet, ist jedoch tiefgreifender als das unsere. Sie verstehen ganz genau den Mechanismus, mit dem das LEBEN jeden Einzelnen und die Gesellschaft steuert – d. h. den Mechanismus der Zufälle, die keine Zufälle sind. Dieses Verständnis wurde der Gesellschaft in ferner Vorzeit gegeben, und zwar stets in dem Moment, als die Gesellschaft in eine Zwickmühle, in den Überlebenskampf geraten war. Das Wissen wurde Einzelnen offenbart, die es begreifen konnten und es auch für andere Menschen in verständliche Geschichten, Sinnbilder und Bräuche umzuwandeln wussten. In einer Gesellschaft, die keiner unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt ist, wird dieses Wissen nach und nach immer entfernter und ungreifbarer. Das LEBEN weiß nämlich, dass sich Menschen und Gesellschaft unter seiner Führung nicht entfalten können. Sie entfalten sich vielmehr durch Lernen, Erkennen und Anpassen an die Umwelt. Aus diesem Grund überlässt es alle Entscheidungen – die schlechten wie die guten – unserem freien Willen. Dieser Mechanismus ähnelt der Kindererziehung durch weise Eltern, die dem Kind einräumen, aus seinen eigenen Fehlern zu lernen sowie alle Seiten des Lebens zu entdecken und kennenzulernen, und nur dann eingreifen, wenn das Kind in lebensbedrohende Umstände gerät, und zwar, indem sie es durch den kleinstmöglichen Eingriff von der Gefahr wegführen. Kinder, deren Eltern für sie denken, Entscheidungen treffen und den Weg für sie planen, sind auf das Leben nie völlig vorbereitet, finden kein Glück und sind meistens auch nicht in der Lage, ein selbstständiges Leben zu führen.

Wer die Beschaffenheit des LEBENS nicht versteht und nicht achtet, der versucht, das Leben anderer nach seinen eigenen Vorstellungen zu bestimmen, freilich so, dass er dabei besser gestellt als die anderen bleibt. Es ist dabei am geeignetsten, nach den Mechanismen des LEBENS zu greifen und diese nach eigenen Vorstellungen, zugunsten eigener Ziele auszulegen. Zu diesem Zweck überzeugte der Medizinmann die Lagerbewohner von der übernatürlichen Macht des Mondsteins, was ihm mit der Zeit auch gewisse Vorteile und persönlichen Nutzen brachte. Es gilt in diesem Zusammenhang zu unterstreichen, dass das LEBEN auch in so etwas eingreift und auch derartigen Glauben dem freien Willen eines jeden Einzelnen überlässt, denn es muss doch jeder selber zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Aus diesem Grund können sich jene, die daraus ihren eigenen Nutzen ziehen, der Schule des Lebens nicht entziehen. Die Last ihrer Taten erkennen sie noch in diesem Leben, und wenn das nicht ausreicht, dann finden sie sich in ihrem nächsten Leben in einer Rolle vor, in der sie alle Folgen dessen zu erleiden haben, was sie einstmals durch ihre Handlungsweise den anderen leichtsinnig zugefügt haben. Indem sie sich dessen nicht bewusst sind, dass wir nach dem Tod unseres Körpers alle zusammen das Eine bilden, tauchen sie in der Schule des Lebens in ihrem neuen Leben in einer gerade entgegengesetzten Rolle auf.

Parten veranschaulicht in dieser Geschichte die Entstehung verschiedener Glaubensrichtungen, woraus sich später auch ganze Religionen entwickeln können. Das ist jedoch nicht mit der Denkweise des Medizinmannes gleichzusetzen, denn er ist sich im Vergleich zu späteren Verbreitern verschiedener Glaubensrichtungen seiner Manipulation sehr gut bewusst. Das ist auch aus etlichen Kleinigkeiten ersichtlich, unter denen die Angst vor dem Fremden, der Wunsch nach seiner Vernichtung und Vertreibung aus dem Lager und die Angst vor der Enthüllung der Wahrheit über den Mondstein am meisten hervorstechen. Obwohl Parten bereit wäre, Eros sofort das Messer in den Rücken zu rammen, entlarvt Eros Partens Lüge jedoch nicht. Eros hat nämlich bereits gelernt, dass man in die Schule des Lebens nicht eingreifen darf. Im Unterschied zu dem Medizinmann versteht Eros das LEBEN nämlich sehr gut und weiß, wann die Dinge den Zufällen zu überlassen sind. Dem Medizinmann ist dagegen nicht klar, dass Eros Vertreibung aus dem Lager gar nichts ändern würde und dass ihm, wenn er sich darum verdient machte, für sein Unrecht in der Schule des Lebens eine gründliche Belehrung zuteilwürde. Die Begründung, er habe das in gutem Glauben getan, um dadurch die anderen vor Unheil zu bewahren, würde ihm dabei gar nicht helfen, denn er sollte, wenn er an die Macht des Mondsteines wirklich glaubte, auch das der Macht dieses Steines und dem Zufall überlassen.

Dass der Mondstein in Wirklichkeit ein Meteorit ist, enthüllt eine Legende über seine Entdeckung, die Aragen Eros erzählt. Filitosa liegt auf einer Insel und seine Urbewohner erreichten sie zu Fuß. Das geschah während der letzten Eiszeit, als das Meer zugefroren war und die Menschen auf der Suche nach Nahrung immer weiter nach Süden vordrangen. Weil der Weg ins Unbekannte lang und kräfteraubend war und es immer weniger Nahrung gab, waren die Menschen verzweifelt. Der Meteorit, den sie im Eis entdeckten, war das Erste, was sie nach einer langen Wanderung auf dem zugefrorenen Meer erblickten. Er flößte ihnen Vertrauen und neue Kraft ein, um den Weg fortzusetzen, der sie schließlich auf eine Insel brachte, auf der es vor Leben sprudelte, denn hier fanden auch zahlreiche Tiere Zuflucht vor dem Frost auf dem Festland.

Die Geschichte von Aragen und Asari bildet das Gegenstück zu der Geschichte von Eros und Lana, vollzieht sich aber in dieser Welt ein wenig anders, so wie jede Wahrheit in einer anderen Welt immer ein wenig anders ist.

Die Legende über die Entdeckung der Tonwaren, die von den Lagerbewohnern von einer Generation zur anderen übertragen wird, erschien in keiner bisher bekannten mündlichen Überlieferung oder Aufzeichnung. Diese Legende lehrt, dass das LEBEN durch Zufälle jenen Hilfe leistet, denen Unrecht zugefügt wird. So kann es auch vorkommen, dass irgendjemand zu den wichtigsten Entdeckungen gelangen kann, sogar einer, der für schwachsinnig gehalten und verspottet wird.

Der Streit zwischen Sard und Filito wird öffentlich beigelegt. Dadurch wird nicht nur eine größere Eindeutigkeit im Zusammenhang mit dem Streit und dem zu fällenden Urteil, sondern auch eine Belehrung der übrigen Lagerbewohner gesichert. Es kann nämlich nur so aus dem jeweiligen Fall die Lehre gezogen werden, was richtig und was nicht richtig ist und wie man handeln soll, wenn man sich selber in ähnlichen Umständen vorfinden würde. Geschlichtet wird der Streit von Aragen, der das Vertrauen der Mehrheit genießt. Jede der streitenden Parteien legt ihre Sichtweise der Wahrheit dar und verteidigt sich selbst. Auf diese Weise lässt sich jeder noch so verwickelte Streit ohne Vertreter und Berater beilegen. Aragen findet aus beiden Darlegungen die Wahrheit heraus und stellt sie der Versammlung vor. Durch sein Urteil zeigt er, dass beide Parteien an dem Streit schuld sind und dass das von Filito erlittene Unrecht genauer zu betrachten ist, denn er hat nicht alles unternommen, was in seinen Kräften stand, um das Unrecht zu verhindern. Die verhängten Strafen sind lehrreich oder sozial nützlich; die schwerste Strafe ist die Verbannung aus dem Lager und wird dann verhängt, wenn die Taten einer Person die anderen so sehr bedrohen oder stören, dass ihr Leben im Lager nicht länger tragbar ist. Diese Strafe ist sehr schwer – der Verbannte konnte unter den damaligen Bedingungen nur schwer allein überleben, da andere Lager keine Fremden aufnahmen oder nur dann, wenn es einen besonderen Grund dazu gab; Fremde mussten sich dabei an die neue Umgebung anpassen und sich in mancher Hinsicht auch unterwerfen lassen.

Eine Gesellschaft, die das LEBEN und die Bedeutung der Schule des Lebens versteht, ist sich dessen bewusst, dass sich keiner – ungeachtet der verhängten Strafe – der Gerechtigkeit entziehen kann. Weil jede Strafe infolge von Unregelmäßigkeiten in der Denkweise einer Person und ihrer Verstöße gegen eine andere Person verhängt wird, hat diese andere allen Anspruch darauf, die verhängte Strafe zu bestätigen oder zu verwerfen. Die Verzeihung ist eine Tat edler Gesinnung und des Verständnisses des LEBENS, wozu nur fähig ist, wer sich selbst annehmen kann. Das geht auch aus der Urteilsfällung in dem Streit zwischen Sard und Filito hervor – während der sich selbst nicht annehmende Sard für Filito eine Strafe verlangt, ist dieser bereit, ihm zu verzeihen, wodurch er ihm zugleich auch die Strafe erspart.

Im Lager wird die Aufnahme der jungen Männer in den Jägerstand veranstaltet. Den hierbei erforderlichen Bewährungsproben ist nur die Emotio gewachsen. Eine dieser Proben bildet auch ein Feuerlauf, der für den Prüfling den Sieg der Emotio über den Instinkt bedeutet. Für jene, bei denen der Instinkt das letzte Wort hat, ist das eine sehr schwere Probe, während sie für jene, bei denen die Emotio Schlag hat, viel leichter fällt. Auf diese Weise werden in den Jägerstand nur jene aufgenommen, bei denen die Emotio Schlag hat. Der aufmerksame Leser wird hier erneut darauf hingewiesen, dass die Welt von Filito nur eine elementare Betrachtung der modernen Welt darstellt. An dieser Stelle der Geschichte erscheint nämlich das geschriebene Wort, was allerdings mit dem Leben in der ursprünglichen Gesellschaft nicht übereinstimmt.

Medizinmann Parten sieht keine Wahrheit und achtet das LEBEN nicht, besitzt aber großes Wissen. Das versetzt ihn freilich in die Lage, dass er die anderen, leichtgläubigen Lagerbewohner irreführen kann. Er ist überzeugt, dass auch Eros nur ein gewandter Lügner ist. König Aragen bemerkt Partens Abneigung gegen Eros. Obwohl es dem König durchaus klar ist, wie viel Wahrheit es mit dem Mondstein auf sich hat, auf den sich Parten immer wieder beruft, schlägt er ihm vor, die Macht des ihm vom Stein angeblich vermittelten Zufalls zu überprüfen. Auch Eros Wissen übertrifft das Wissen der Lagerbewohner, aber Eros wendet es nicht an, um irgendjemand in die Irre zu führen.

Parten beschließt, die anderen mit seiner Schläue zu übertölpeln, und bezieht deswegen in die angebliche Antwort des Mondsteins auf die Frage, wie er sein überflüssiges Körpergewicht loswerden könne, ein Ritual mit ein, das ihm persönlichen Nutzen bringen soll. Wenn es ihm wieder gelingen würde, die Menschen zu überlisten, dann soll fortan jeder, der der Weisheit des Mondsteins teilhaftig werden wolle, auf den Tempeltreppen dem Stein auf den Knien seine Hochachtung erweisen. Aragen zieht deshalb den Medizinmann ständig auf, aber er will ihn dadurch nur dazu bewegen, etwas im Zusammenhang mit seinem gefräßigen, ungesunden Körper zu unternehmen. Sein Verhältnis zum Medizinmann wird durch dessen unehrliches Vorhaben keinesfalls getrübt, denn er weiß sehr gut, dass jeder Mensch selber zu seiner Wahrheit über das LEBEN gelangen muss.

Die Jägertruppe begibt sich auf die Jagd. Der Leser, der die Bedeutung der mit den Welten zusammenhängenden Sinnbilder nach wie vor nicht begreift, beginnt in diesem Teil der Geschichte endlich zu ahnen, wie dieses Buch aufzufassen ist. Auch Filito lebt in der modernen Zeit und setzt sich somit in seinem Leben mit der modernen Zivilisation auseinander, mit Sachen und Schwierigkeiten, mit denen sich jeder heutige Leser konfrontiert sieht. Obwohl wir alle die gleichen Sachen betrachten, werden sie von jedem in seiner eigenen Welt auf seine eigene Art gesehen. Jeder von uns misst jeder Sache eine durchaus andere Bedeutung bei, zu gleichen Sachen haben wir unterschiedliche Verhältnisse, und die Zusammenhänge zwischen ihnen werden von jedem von uns auf seine eigene Art gesehen. Auch für Filitos Welt sind alle Errungenschaften der modernen Zivilisation typisch, die aber für ihn selbst so bedeutungslos sind, dass sie vom Leser kaum bemerkt werden. Für ihn dreht sich die Welt um die Jagd – das Sinnbild des Fußballspiels – herum, der er in Wirklichkeit nachgeht und somit seinen Lebensunterhalt sichert. Elf Jäger, die von Filito ausgewählt wurden, stellen die Gruppe der elf Fußballspieler dar, und das Wildschwein ist ein Sinnbild des Balles. So kann etwas, was in einer Welt eine völlig unwichtige, nebensächliche Sache ist, in einer anderen Welt – wie etwa in Filitos Welt – zum Mittelpunkt des Geschehens und Überlebens werden. Dem Leser mag das ungewöhnlich und schwer begreiflich erscheinen, aber es würde gewiss auch jeder über die Gedankenwelt des Lesers erstaunen, der sie betreten würde. Alles, was man in seiner eigenen Welt sieht, begreift und fühlt, könnte einem anderen anders und durchaus unbekannt vorkommen. So können Dinge, die für einen alltäglich und vertraut sind, einem anderen völlig fremd und sogar unannehmbar erscheinen. Der Beweis, dass dem so ist, wurde bereits in der dritten Welt erkannt – in Herakles Festung, für deren Inneres und Bedeutung von einigen Tausenden Lesern nicht einmal zwei gleiche Beschreibungen geliefert werden, denn jeder sieht darin immer ein Teilchen seiner eigenen Welt und beschreibt folglich immer nur seine eigene Welt.

Das Begreifen nicht geahnter Verschiedenheit unserer Welten ist sowohl für die Annahme von uns selbst als auch für die Annahme anderer von Bedeutung. In seiner eigenen Welt kann sich nur befreien, wer begreift, dass jeder in seiner eigenen Welt jeder Sache eine besondere, eigentümliche Bedeutung beimisst, die sich von allen anderen unterscheidet. Diese Erkenntnis kann sowohl den Anfang der Erfahrung von Unterschieden zwischen den Welten als auch das Ende der Unterwerfung der eigenen Welt unter die anderen und zugleich auch das Ende des unaufhaltsamen Bedürfnisses nach einer Änderung der anderen nach dem Vorbild der eigenen Welt bedeuten. Der Leser kann somit an dieser Stelle begreifen, dass [Psi] kein Fantasiemärchen, sondern die nackte Wahrheit des LEBENS ist, die im Grunde so präzise und vollkommen ist, dass man der Wahrheit nur schwerlich näher kommen kann.

Eros nimmt die Herausforderung an – er soll das Geheimnis der ungesunden Fettleibigkeit von Parten lösen, und in der Lösung dieses Geheimnisses verbirgt sich auch einer der sieben Beweise des LEBENS – die Antwort auf die bisher noch nicht gelöste anthropologische Frage. In diesem Teil des Buches entfüllt sich darüber hinaus in einer Metapher auch die Antwort auf die Frage, warum das LEBEN gerade Eros ausgewählt hat, um ihm die Beweise über sein Dasein zu offenbaren. Der Grund liegt in der Reinheit seines Denkens, die im Dammbau veranschaulicht wird, an den sich Eros macht, während er darüber nachdenkt, wie er das aufgegebene Rätsel lösen könnte. Indem der Medizinmann ganz planmäßig mager wird, schafft er mit List und Tücke ein Ritual, das ihm persönlichen Nutzen bringen soll. Würde das LEBEN Parten nur einen Bruchteil der Wahrheit wirklich in die Hand geben, dann würde er es bedenkenlos zur Übernahme der Macht im Lager missbrauchen, um sich dadurch für immer Stellung, Macht und Einfluss zu sichern. Er würde anfangen, das Schicksal der Menschen zu bestimmen und sich selbst schon bald für den Botschafter des ZUFALLS auf Erden zu halten.

Auch Eros verfügt über Denkvermögen und könnte zur Erreichung seiner Ziele zu Ritualen greifen. Aber der Bach, den er eindämmt, wird nicht zum Fluss Ganges, der den Menschen von allen Sünden reinwäscht; er ist vielmehr nichts anderes als das, was er ist – ein eingedämmter Bach, der den darin badenden Menschen Nutzen und Freude gewährt. Eros errichtete den Damm nur zu seiner eigenen Ablenkung während seines Nachdenkens. Und eben in dieser Einfachheit steckt eine große Weisheit des LEBENS.

Eros macht sich an die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Ernährungsgewohnheiten der Menschen und Fettleibigkeit. Durch die Auswertung – Zusammenstellen der Täfelchen zu Gruppen – werden falsche Annahmen über die Fettleibigkeit, die bei Menschen wie Wahrheiten tief verankert sind, nacheinander widerlegt. Einen der häufigsten derartigen Irrtümer bildet die Überzeugung, dass sich das Körpergewicht durch die Menge der eingenommenen Nahrung beeinflussen lässt. Und nicht minder häufig ist auch der Irrtum, dass man den Energieüberschuss als Folge zu großer eingenommener Nahrungsmengen durch ausreichende körperliche Betätigung abbauen kann. Als eine nicht ausreichende Ursache für übermäßiges Körpergewicht erweisen sich auch der Verzehr von verschiedenen Nahrungssorten und sogar die Erbmasse. Erst der hohe herbstliche Wasserstand mit seinem Überlaufen des Wassers über den Damm bringt Eros zu einem bisher nicht eingesehenen Zusammenhang zwischen den Eiszeiten und den Zeiträumen ewigen Sommers und der Anhäufung von Fett bei Menschen. Der fünfte Beweis des LEBENS liegt also nicht in der Wirksamkeit der Trennkost, die der Menschheit schon länger bekannt ist, sondern in der anthropologischen Erklärung der Anpassung des menschlichen Körpers an die in der Natur herrschenden Sonderverhältnisse. Obwohl es sich dabei um eine einfache grundlegende Erklärung handelt, gewährt sie uns einen viel tieferen und genaueren Einblick in unsere Ernährungsgewohnheiten und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten. Erst das Begreifen dieses anthropologischen Zusammenhangs macht die Begründung einer neuen Auffassung von gesunder Nahrung möglich. Die Berücksichtigung der jeweiligen Jahreszeit und der Regeln über die Angemessenheit und Nichtangemessenheit eines gleichzeitigen Verzehrs einer bestimmten Sorte der Nahrung, die sich einfach in drei Gruppen einteilen lässt, sowie das Wassertrinken können viele Irrtümer über die gesunde, unserem Körper angemessene natürliche Ernährungsweise aufheben. Mehr dazu gibt es unter Sieben Beweise des LEBENS zu lesen.
Der Medizinmann will nicht, dass es Eros gelingt, ihm zu helfen, er weiß aber nicht, dass er selbst eine falsche Vorstellung von der Ursache seiner Fettleibigkeit hat. Um die Glaubwürdigkeit von Eros zu untergraben, überfrisst er sich mit der Nahrung, die Eros ihm Tag für Tag bringt. Parten hat nämlich keine Ahnung von der Entdeckung, zu der Eros gelangte, und sieht nicht, woran es liegt, dass er trotz der ernormen Mengen an eingenommener Nahrung auf einmal beginnt, an Körpergewicht zu verlieren. Das kann der Leser auch an sich selbst ausprobieren, obwohl von einem Übermaß an Nahrung schon wegen des damit zusammenhängenden Übelbefindens abzuraten ist. Hier darf nicht übersehen werden, dass der Medizinmann bei seinem derartigen Treiben ein ganz besonderes Motiv hatte, das beim Leser dagegen wohl kaum vorhanden ist.

Das Verständnis des anthropologischen Ursprungs von übermäßigem Körpergewicht stellt einen der sieben Beweise des LEBENS dar. In der Geschichte von Filito wird zudem noch ein besonderer, die gesellschaftlichen Beziehungen betreffender Zusammenhang offenbar – die Sexualität. Das Verständnis dieses Bereichs beruht auf der REI-Theorie, die den ersten Beweis des LEBENS bildet, und wird hier gesondert vorgestellt.

Sexualität
[Psi] offenbart uns in der sechsten Welt, dass eine der Hauptschwierigkeiten und eine der wichtigeren Ursachen für die eigene Nichtannahme in der gegenwärtigen Gesellschaft in der verzerrten Vorstellung von der Natur unserer Sexualität liegen. Manche werden das, was im folgenden ausgeführt wird, fremd und merkwürdig finden, und manche werden das, was sie zu lesen bekommen, für abstoßend halten oder die angebotenen Zusammenhänge und Erklärungen wohl ablehnen. Aber den Beweggrund dieses Buches bildet die nackte Wahrheit, und diese nimmt keine Rücksicht darauf, was man anzunehmen wünscht und bereit ist. Wer der Wahrheit folgt, der nimmt auch keine Rücksicht darauf, was man blindlings als Wirklichkeit angenommen hat, ohne sich dabei zu fragen, ob es sich wohl nicht nur um die Wahrheit eines der Verstände handelt, der uns von ihr überzeugt hat, um die beiden anderen Verstände an der Ausübung ihrer Macht und ihres Einflusses zu hindern.
Die Menschheit setzt sich seit dem Übergang von der ursprünglichen Gesellschaft zur modernen Zivilisation mit dem Kampf um die Vorherrschaft eines der drei Verstände auseinander. So sind auch unsere Ansichten und Werte einem stetigen Wandel – von einem Extrem ins andere – unterworfen. Den Herrschaftsformen dieser drei Verstände ist gemeinsam, dass sie alle darum bemüht sind, sämtliche Erinnerungen an frühere Zeiten auszulöschen, als in der Gesellschaft einer der beiden anderen Verstände herrschte. Das Leben verläuft somit stets in der Überzeugung, dass unsere jeweiligen Werte und unsere jeweilige Sichtweise der Wahrheit ewige, universale Naturgesetzmäßigkeiten sind und dass alles andere nichts anderes ist als Rückständigkeit und Verblendung der ehemaligen Gesellschaft. Das geht sogar so weit, dass man die Geschichte allezeit verfälscht und zwischenmenschliche Beziehungen, Denkweisen und Werte durch das Prisma der gegenwärtigen Wahrheit darstellt. Das ist jedoch kein planmäßiges, bewusstes Handeln, wie es jemand annehmen würde, sondern es geht hierbei vielmehr um eine durchaus natürliche Gesetzmäßigkeit des Verstandes, der in der Gesellschaft die Macht an sich gerissen hat. Es gilt dabei auch auf die Tatsache hinzuweisen, dass jeder Verstand die Wahrheit nur seiner eigenen Denkweise entsprechend betrachten kann, während er gleichwohl in der Lage ist anzunehmen, dass seine Wahrheit vielleicht nicht die einzig richtige ist.
Die Denkweise der Ratio – die für die moderne Zeit typisch ist – rottet alles aus, was ihre Herrschaft und Übermacht in der Gesellschaft untergräbt. Von allen Mechanismen, deren sich die beiden anderen Verstände bei ihrer Herrschaftsausübung bedienen, fürchtet sich die Ratio am meisten eben vor der Macht der Emotio in der Sexualität, und erst dann folgt die Macht der Angst des Instinkts. (Der Ursprung der Macht der Ratio liegt in Verständnis und Wissenschaften.)

Über die Sexualität herrscht die Emotio – der ursprüngliche Verstand all unserer Wünsche und Begehrlichkeiten. Da die Sexualität eines der stärksten Motive der Emotio ist, wurde sie auch zur Hauptquelle ihrer Macht, zur Quelle, mit deren Hilfe sie in der Vergangenheit die Vorherrschaft über die beiden anderen Verstände aufrechterhalten konnte.
Die Ratio und der Instinkt kämpften in der Vergangenheit sehr heftig gegen die Sexualität – diesen außerordentlich wirksamen Machtmechanismus –, und sie sahen deswegen keinen anderen Ausweg, als die Sexualität im Keim zu ersticken und ihre Bedeutung in der Gesellschaft zu mindern. Je mehr eine Gesellschaft Sexualität unterdrückende Regeln annimmt, desto stärker wird die Macht der Emotio eingeschränkt. Wenn das Konzept der Sexualität in der Gesellschaft auf den Kopf gestellt wird, verliert die Emotio so gut wie alle ihre Macht, denn sie kämpft heftig gegen ihre Nichtannahme und wird dadurch ihrer zur Herstellung der Vorherrschaft erforderlichen Kraft beraubt.
Hier sollen nur einige für die moderne Gesellschaft eigentümliche Auffassungen von Sexualität aufgezählt werden, die unserem Bewusstsein von der Ratio in Zusammenarbeit mit dem Instinkt eingepflanzt wurden:

Sich sexueller Lust hingeben ist unanständig. Über Sex sprechen ist unanständig. Anspielungen auf Sex sind unanständig. Sex außerhalb der Ehe ist unanständig. Vorehelicher Sex ist unanständig. Nacktheit und Zurschaustellung der Geschlechtsorgane (Genitalien) ist unanständig. Der Verkehr mit mehreren Geschlechtspartnern ist unmoralisch. Der Wunsch nach Gleichgeschlechtlichkeit ist nicht normal. Sexuelle Dienstleistungen gegen Zahlung sind unmoralisch. Sex mit Minderjährigen (und mancherorts auch zwischen Minderjährigen) ist verboten, indem die Altersgrenze, die das Ende der Minderjährigkeit bestimmt, in eine spätere Zeit nach der Geschlechtsreife hinausgeschoben wird. Sex im Alter ist unangemessen. Sex in der Öffentlichkeit ist beschämend, unanständig und verboten. Sexuelle Anspielungen und Einsatz von Sexualität in Werbung und öffentlichen Vorführungen sind strittig und beschämend. Annehmbar ist nur der eheliche Geschlechtsverkehr. Jede Zurschaustellung der sexuellen Leistungsfähigkeit ist unanständig. Analverkehr, Oralverkehr und andere der Fortpflanzung nicht dienende Formen des Geschlechtsverkehrs sind unanständig. Selbstbefriedigung ist schändlich. Jede Form der sexuellen Befriedigung, die nicht der Fortpflanzung dient, ist unmoralisch und unethisch. Jede Vorführung von Sexualität und jedes Schreiben darüber, das keinem wissenschaftlichen Zweck dient, ist Pornografie.

Keine der oben aufgeführten, allgemein angenommenen gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität stimmt mit der Denkweise der Emotio überein. Weil aber die Sexualität, wie schon gesagt, den Wirkungsbereich der Emotio bildet, kommt es in der modernen Gesellschaft eben wegen solcher Vorurteile zu unterdrückter Sexualität, die den Menschen schlichtweg zu unnatürlichen und meist auch unnormalen Formen der Sexualität treibt. Daraus ergeben sich zahlreiche Schwierigkeiten, persönliche Nöte, Persönlichkeitsstörungen und eine immer größere Nichtannahme seitens der Gesellschaft.

Nur wenigen Menschen ist die Tatsache bewusst, dass ihre Auffassung von Sexualität für die Menschen nicht natürlich ist. Das ist auch deshalb so, weil wir über keinen Einblick in die Auffassung von Sexualität in anderen Welten verfügen. Jede Welt stellt sich somit die Sexualität auf ihre eigene Art vor und glaubt, dass es auch in den anderen Welten ähnliche Vorstellungen gibt. Aber genauso wie sich unsere Welten voneinander unterscheiden, unterscheiden sich auch unsere Vorstellungen von der Sexualität, und was für einen Menschen eine große Bedeutung hat, kann einem anderen wohl ganz bedeutungslos erscheinen. Jede Form der aufgedrängten verzerrten Vorstellungen von der Sexualität hat bei der Emotio die Verdrängung ihrer Natur zur Folge, was schließlich zu einem unnatürlichen Sexualverhalten führt. Schwierigkeiten in der Sexualität wie etwa sexuelle Lustlosigkeit, Erektionsstörungen, Orgasmusstörungen, zu frühe Ejakulation, viele Formen der Sexsucht und sonstige Schwierigkeiten stellen nur einige von diesen Folgen dar. Bei jenen, die keine offensichtlichen Schwierigkeiten in der Sexualität haben, kann es dennoch zu Erscheinungen einer unnatürlichen Sexualität kommen, aber sie haben für ihr Konzept der Sexualität mehr oder weniger erfolgreiche Überbrückungen gefunden, um dadurch die für die Emotio natürlichen Mechanismen des Geschlechtsverkehrs zu ersetzen.

Einige Menschen haben dagegen die Vorstellungen der Emotio von der Sexualität vom Geschlechtsverkehr getrennt und sie in Tätigkeiten umgewandelt, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang mit der Sexualität aufweisen. Dieser Zusammenhang wird oft erst dann offensichtlich, wenn sie in diesen Bereichen versagen, was auch einen Zusammenbruch ihres Sexuallebens zur Folge hat.

Die Voraussetzung für das Verständnis der ursprünglichen Natur der Sexualität ist das Verständnis der Natur der Emotio – des Verstandes also, der über die Sexualität herrscht. Die Triebfeder der Emotio in der Sexualität ist das Verlangen nach Lust – das als Begehren bezeichnet wird. (Die Lust bezeichnet hier eine Empfindung am Geschlechtsorgan, die während des Geschlechtsverkehrs zum Höhepunkt gesteigert wird.) Obwohl das äußerst einfach und logisch klingt, lässt sich wohl sehr bald feststellen, dass die Triebfeder unserer Sexualität gar nicht diese Empfindung, sondern etwas ganz anderes ist. Der Grund für diesen Unterschied liegt in dem Umstand, dass eben jeder das als Lust bezeichnet, was ihn in seiner Welt zum sexuellen Höhepunkt führt. Diese natürliche Triebfeder der Sexualität wurde somit in der modernen Gesellschaft durch eine ganze Menge von Motiven ersetzt, unter denen die Bestätigung unterschiedlicher Kulissen in der vordersten Reihe steht. So ist die grundlegende Triebfeder der Sexualität für manche, die sich selbst nicht annehmen, ihre Bestätigung seitens der Altersgenossen, die Bestätigung ihrer sexuellen Anziehungskraft, die Bestätigung ihres Erfolgs und ihrer Fähigkeiten oder der Ersatz vieler anderer Dinge, die sie in ihrem Leben erreichen wollten und die dennoch nicht verwirklicht worden sind. Die Intensität der Lust in der Sexualität ist deswegen stark beeinträchtigt und bei manchen sogar aufgehoben, wobei solche Menschen trotzdem das stärkste Bedürfnis nach häufigem Geschlechtsverkehr mit möglichst vielen verschiedenen Partnern fühlen. Aber sie sind sich dessen in ihrer eigenen Welt nicht bewusst, denn jeder kennt bei sich etwas, was er als Begehren und sexuelle Lust bezeichnet. Zu einem Vergleich zwischen der einen und der anderen Erfahrungsweise der Sexualität ist nur fähig, wer es schafft, natürliche, unbeeinträchtigte Mechanismen der Sexualität zu erfahren. Wer so was erfährt, der fragt sich oft, wie er das, was er früher getrieben hat, überhaupt als Sexualität hat erleben können.

Es stellt sich somit die Frage, ob es sich bei unserer Auffassung der Lust wirklich um eine einfache ursprüngliche Empfindung der Emotio oder vielmehr um einen komplizierten Zusammenhang angelernter Vorstellungen handelt, in denen diese Empfindung zwar vorhanden, aber dennoch schon längst irgendwo im Haus unserer Psyche verloren gegangen ist. Damit die Emotio diese ursprüngliche Lust erreicht, muss sie völlig entspannt sein, und das heißt, dass die Ratio und der Instinkt beim Geschlechtsverkehr keine Rolle spielen dürfen (das gilt für alle, auch für jene, bei denen sonst die Ratio und/oder der Instinkt den Vorrang hat/haben). Die meisten Menschen behaupten hier, dass sie beim Geschlechtsverkehr (gewöhnlich) völlig entspannt sind, aber es hängt auch die Häufigkeit dieser Antwort mit dem Mangel an einem greifbaren Vergleich mit anderen Welten zusammen. Was in unserer Welt als Entspanntheit aufgefasst wird, ist wohl nur die höchste Stufe, die wir zu erzielen in der Lage sind, aber das bedeutet noch nicht, dass wir der völligen Entspanntheit wenigstens nahegekommen sind.

Die Frage danach, wie untrennbar unsere Verstände mit unseren unnatürlichen Vorstellungen von der Sexualität verbunden sind, werden Sie am leichtesten durch aufrichtige Beantwortung einiger der folgenden Fragen beantworten:

Planen Sie manchmal den Geschlechtsverkehr? Nehmen Sie manchmal, und zwar sogar einige Minuten vor dem ersten Anzeichen für Geschlechtsverkehr, an, dass es dazu kommen wird? Haben Sie sich vor oder nach dem Geschlechtsverkehr gefragt, wie anziehend Sie Ihr/Ihre Partner finden wird/werden? Haben Sie sich auf den Geschlechtsverkehr irgendwie vorbereitet – haben Sie sich vielleicht besonders zurechtgemacht oder zu diesem Zweck eine Dusche genommen? Besuchen Sie ein Fitnessstudio, um auf eventuelle Geschlechtspartner einen besseren Eindruck zu machen und Ihre Chancen zu steigern? Haben Sie für den Geschlechtsverkehr besondere Unterwäsche oder sonstiges Zubehör ausgewählt? Habe Sie ein Präservativ zu einer Verabredung mitgenommen? Hatten Sie unmittelbar vor dem Geschlechtsverkehr oder während des Geschlechtsaktes ein schlechtes Gewissen, Bedenken wegen übertragbarer Geschlechtskrankheiten oder Angst vor unerwünschter Empfängnis? Haben Sie manchmal vor dem Geschlechtsverkehr oder während des Geschlechtsaktes irgendeinen Körperteil vor Ihrem Partner verborgen? Haben Sie manchmal vor dem Geschlechtsverkehr dafür gesorgt, dass der Partner einen bestimmten Teil Ihres Körpers wahrnimmt? Hat Sie manchmal eine Person sexuell angezogen, aber Sie wussten oder getrauten sich nicht, ihr das klar und deutlich zu zeigen?
Nur wenn Sie alle Fragen schlicht mit Nein beantworten können, ist das ein Anzeichen dafür, dass die Emotio über Ihre Sexualität waltet. Wenn Sie zumindest eine Frage mit Ja beantworteten, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass sich auch der Instinkt und/oder die Ratio mit großer Wahrscheinlichkeit in Ihre Sexualität einmischt/einmischen. Die Emotio kennt nämlich kein Planen; sie verspürt nur den Wunsch und folgt ihm einfach. Sie improvisiert dabei ununterbrochen, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Sie stellt sich keine Fragen über die Folgen und kennt keine Bedenken. Die Einmischung des Instinkts und der Ratio in unsere Sexualität ist die Folge der eingepflanzten unnatürlichen Vorstellungen von Sexualität, von denen oben die Rede war.
Weil die Emotio der führende Verstand bei einer größeren Zahl der Männer und einer kleineren Zahl der Frauen ist, haben moderne Männer in der Sexualität mehr Schwierigkeiten – die zudem auch größer sind – als Frauen, indem andererseits die bei Frauen auftretenden Schwierigkeiten anders beschaffen sind. Eine der häufigsten Schwierigkeiten, mit denen sich der moderne Mann auseinandersetzt, liegt in seiner Umlenkung des natürlichen Sexualitätskonzepts der Emotio. Das heißt, dass er im psychologischen Sinne gar nicht mehr mit seiner Partnerin, sondern nur noch mit sich selbst Verkehr hat. Wenn Sie ein Mann sind und sich über das hier Gelesene lustig gemacht haben, wird Ihnen wohl sehr bald Spaß daran vergehen, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass es auch bei Ihnen so ist. Diese verkehrte Form der Sexualität lässt sich nämlich heute bei der Mehrzahl der Männer feststellen.

Bei der Emotio bildet die Grundlage des natürlichen Geschlechtsverkehrs der folgende Gedanke: „Du bist meine Lust.“ Der Verkehrende genießt bei diesem Konzept in dem, was ihm sein Partner (sowohl im körperlichen als auch im psychologischen Sinne) bietet. Bei den meisten modernen Männern verkehrt sich dieser Gedanke jedoch in sein Gegenteil: „Ich bin deine Lust.“ Der Verkehrende genießt bei diesem Konzept in der Tat nur in seiner eigenen Vorstellung von der Befriedigung des Partners. Obwohl es sich in beiden Fällen um Lust handelt, ist der Unterschied zwischen ihnen sehr groß, was vom Verkehrenden nicht so nachdrücklich wie von seinem Geschlechtspartner wahrgenommen wird.

Es stimmt zwar, dass wir Menschen manches lernen oder durch Übung verbessern können, aber wer Geschlechtsverkehr nach dem falschen (zweitgenannten) Konzept treibt, der wird bei seinem Partner nie eine solche sexuelle Befriedigung erzielen, wie sie mit weit weniger Mühe jener erreichen kann, der Geschlechtsverkehr nach dem richtigen (erstgenannten) Konzept treibt. Der Geschlechtsverkehr nach dem richtigen Konzept bedeutet jedoch nicht nur einen psychologischen Unterschied, sondern auch ein durchaus anderes Konzept des Geschlechtsverkehrs. Wer Geschlechtsverkehr auf diese Weise treibt, der nimmt andere Empfindungen wahr, verhält sich im Geschlechtsverkehr anders, bewegt sich sogar anders, berührt seinen Partner auf eine andere Weise, küsst anders und gibt viele nicht wahrnehmbare Körperzeichen ab, die seinen Partner zur Ekstase bringen. Auch die Erektion des männlichen Geschlechtsorgans weist gewisse Unterschiede mit Bezug darauf auf, ob sie durch die Emotio oder durch die Ratio hervorgerufen wird. Die Ratio kann nämlich so wie bei der Bewegung anderer Körperteilen auch bei diesem Organ eingreifen und seine Versteifung herbeiführen. Diese unterscheidet sich von der seitens der Emotio hervorgerufenen Erektion durch eine festere und härtere Versteifung der Peniswurzel, wobei auch die oberhalb des Damms befindlichen Muskeln mitwirken, die man auch bewusst bewegen kann. Für die Emotio ist dagegen eine spontane, vom Begehren, dem Wunsch nach Lustempfindung beigeführte Erektion kennzeichnend. Diese Erektion zeichnet sich durch eine stärkere Versteifung der Eichel aus.
Ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Konzepten des Geschlechtsverkehrs liegt auch in der Empfindung der dem Höhepunkt folgenden Befriedigung. Die Befriedigung des Partners ist beim ersten Konzept – „Du bist meine Lust“ – größer und länger anhaltend als bei dem zweiten – „Ich bin deine Lust“. Wer Geschlechtsverkehr nach dem zweiten Konzept treibt, der empfindet deswegen den Wunsch nach öfterem Verkehr, denn er erlangt die gewünschte psychische Befriedigung nicht und dem entspringt auch sein Bedarf nach immer neuem Geschlechtsverkehr. Ein solcher Verkehrender kann deswegen auch seine Geschlechtspartner häufiger wechseln, denn er sucht vergeblich nach der Befriedigung, die ihm durch den Geschlechtsverkehr nicht zuteilwird, obwohl er nach jedem Höhepunkt für eine Weile dennoch ein solches Gefühl hat.

Vom Partner wird dagegen ein erheblicher Unterschied zwischen dem Geschlechtsverkehr nach dem ersten Konzept und dem nach dem zweiten erlebt und wahrgenommen, ein Unterschied, den er meistens jedoch nicht zu bestimmen oder zu erklären weiß. Der am häufigsten festgestellte Unterschied ist der, dass sogar ein kurzer und schlechter Geschlechtsverkehr nach dem ersten Konzept vom Partner viel intensiver als ein Geschlechtsverkehr nach dem zweiten Konzept empfunden wird, wobei auch die Befriedigung beim ersten länger anhaltend als beim zweiten ist. Ungeachtet der vom Verkehrenden beim Geschlechtsverkehr eingesetzten Aufmerksamkeit und Mühe wird jener, der Geschlechtsverkehr nach dem ersten Konzept treibt, als leidenschaftlicher Liebhaber, und jener, der Geschlechtsverkehr nach dem zweiten Konzept treibt, dagegen als kühler, selbstgenügsamer Bumser empfunden.
Es wird oft gesagt, dass eine Person sexuelle Anziehungskraft ausstrahlt, obwohl es an ihr nichts gibt, was nach den Maßstäben der anderen als anziehender gelten würde. Einigen Menschen gelingt es einfach auch in der modernen Zeit, die natürliche, ursprüngliche Sexualitätsform der Emotio aufrechtzuerhalten oder zu entfalten, und sie strahlen diese aus, noch bevor sie anfangen, Kontakt mit jemand herzustellen oder sich mit ihm zu unterhalten. Das wird als sexuelle Anziehungskraft bezeichnet, und solche Menschen pflegen Geschlechtsverkehr ausnahmslos nach dem ersten Konzept.

In der komplizierten Welt der sexuellen Vorstellungen ist es allerdings nicht leicht zu erkennen, nach welchem Konzept Geschlechtsverkehr getrieben wird. Eines der Anzeichen für das falsche Konzept der Sexualität kann schon dem Umstand entnommen werden, dass der Geschlechtsverkehr für einen Menschen ein großes Ereignis darstellt, dass er sich darauf vorbereiten oder ihn sogar planen muss. Das alles fällt nicht unter das Konzept der Sexualität der Emotio. Wer Geschlechtsverkehr nach dem falschen (zweiten) Konzept treibt, der kann dabei feststellen, dass die Intensität der Lust im Geschlechtsverkehr engstens mit seiner jeweiligen Vorstellung von sich selbst zusammenhängt. Ist ein solcher Verkehrender in einem Moment mit seiner Vorstellung von sich selbst überdurchschnittlich zufrieden, dann wirkt sich das positiv auch auf das Lustempfinden beim Geschlechtsverkehr aus. Wenn dagegen ein solcher Verkehrender mit sich selbst unzufrieden ist (er ist etwa mit seinem Körperbau, seinem Körpergewicht, Anzeichen seines Alterns usw. nicht zufrieden), dann wirkt sich das auch auf das Lustempfinden beim Geschlechtsverkehr negativ aus. Bei Personen, die Geschlechtsverkehr nach dem richtigen (ersten) Konzept treiben, haben die Vorstellungen, die sie von sich selbst haben, einen sehr geringen Einfluss auf das sexuelle Lustempfinden.

Wenn jemand vor seinen Freunden gerne prahlt, dass es ihm gelungen ist, eine bestimmte Person für den Geschlechtsverkehr zu gewinnen, insbesondere wenn diese Person in seinem Freundeskreis Begehren weckt, dann kann das als ein Zeichen dafür dienen, dass diese Person Geschlechtsverkehr nach dem zweiten Konzept treibt – „Ich bin deine Lust“. Jene, die mit ihren sexuellen Erfolgen gerne prahlen und in ihrem Freundeskreis davon öfter des Langen und Breiten erzählen, treiben Geschlechtsverkehr so gut wie sicher nach dem falschen Konzept. Der Unterschied liegt auch in unseren Vorstellungen davon, was den Partner anzieht, erregt und sexuell befriedigt. Wenn Sie glauben, das seien Sie selbst oder vielleicht Ihr gut gebauter Körper, die Art und Weise, wie Sie sich an Ihren Partner heranmachen, Ihre Ausdauer oder sogar Ihre Mannbarkeit, dann zählen Sie sehr wohl zu denen, die Geschlechtsverkehr nach dem falschem Konzept treiben.
Wir fragen uns gewöhnlich nicht nach dem Konzept unserer Sexualität und denken deswegen auch nicht daran, dass es auch andere als das uns bekannte Konzept gibt. Wir sind uns dessen nicht bewusst, wie diese Konzepte überhaupt entstehen, und denken nicht nach, was sich auf sie auswirkt. Jede Welt stellt so ganz eigenwillig ihr eigenes Konzept der Sexualität zusammen, ohne dabei zu wissen, wo sie das hinführt und welche Schwierigkeiten eines Tages dadurch wohl herbeigeführt werden. Aus diesem Grund lassen sich auch die persönlichen sexuellen Eigenschaften und das Grundkonzept, nach dem Geschlechtsverkehr getrieben wird, nur schwer erkennen.

Viele Menschen sind der Meinung, dass sie sich das richtige, für die Emotio eigentümliche Konzept der Sexualität anlernen können. Es ist zwar wahr, dass sie sich durch Ausbildung, Vervollkommnung und Nachahmung verbessern, aber zwischen diesen beiden Konzepten gibt es in Wirklichkeit so viele Unterschiede, dass sie alle sich hier weder aufzählen noch verfälschen ließen. Das Konzept der Sexualität lässt sich allerdings wechseln – dazu ist die Selbstannahme der Emotio erforderlich, und der Weg hierher führt über eine Veränderung der unnatürlichen, eingepflanzten Vorstellungen von der Sexualität.

Die Frage, warum es bei der Mehrzahl der Männer und bei den von der Emotio bestimmten Frauen zum oben erwähnten Wandel im psychologischen Konzept der Sexualität kommt, ist nicht leicht zu beantworten. Den Grund dafür könnte auch im Unterschied zwischen der Welt von Filito und der gegenwärtigen Welt liegen. Der aufmerksame Leser wird wohl merken, dass in Filitos Welt jeder mit jedem Verkehr haben kann, und zwar ungeachtet des Geschlechts. Nur wenige stellen aber fest, dass es in Filitos Welt trotz offensichtlicher Hinweise auf gleichgeschlechtliche Beziehungen keine Homosexuellen gibt. Diese scheinbare Diskrepanz lässt sich vielmehr der modernen Auffassung der mit dem natürlichen Sexualverhalten des Menschen nicht zusammenfallenden Sexualität zuschreiben.
Die Emotio folgt in der Sexualität der Lust und nicht den angelernten Vorstellungen von der Sexualität. So wie jeder in der Lage ist, sexuelle Lust bei der Selbstbefriedigung zu empfinden, kann die Emotio sie mühelos auch beim Verkehr mit einem Partner vom gleichen Geschlecht empfinden. Viele Menschen glauben, dass bei der Gleichgeschlechtlichkeit eine vorgegebene Veranlagung vorliegt, was auf die Emotio keinesfalls zutrifft. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, dass diese Erfahrungsform der Sexualität ausgerottet wurde, denn sie gilt schon jahrhundertelang als eine gesellschaftlich unannehmbare Form des Sexualverhaltens. Nicht annehmbar ist die Homosexualität in Wirklichkeit nur für den Instinkt und die Ratio, und zwar weil eben die Sexualität der Emotio in der Vergangenheit für die beiden das schwierigste Hindernis bei ihrer Machtergreifung darstellte. So entstand bei dem Instinkt und der Ratio das Bedürfnis nach einer möglichst tiefgreifenden Ausrottung aller Sexualitätsformen, die der Emotio ihre Selbstannahme und damit auch ihre Macht ermöglichen. Das wird auch durch zahlreiche Tatsachen bezeugt, darunter auch durch die Tatsache, dass Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern noch vor Kurzem (in unserer jüngster Vergangenheit) in fast allen Kulturen als eine natürliche und gesellschaftlich annehmbare Sexualitätsform betrachtet wurden. Genetisch haben wir uns seither nicht dermaßen geändert, dass die sexuelle Orientierung uns auf einmal angeboren würde. Noch eine auffallendere Kleinigkeit liegt in der oft verkannten anatomischen Übereinstimmung unserer Körper – die auch an den homosexuellen Geschlechtsverkehr vollkommen angepasst und darüber hinaus in der Lage sind, auch bei dieser Sexualitätsform Lust zu empfinden.

Wie ist es denn möglich, dass es in der Welt von Filito keinen einzigen Homosexuellen gibt?

Die Homosexualität ist eine Folgeerscheinung der modernen Gesellschaft, und in der ursprünglichen Gesellschaft gab es sie wahrscheinlich nicht. Aber wie und warum ist sie entstanden?
Wer die Natur der Emotio versteht, der wird feststellen können, dass ihr Begehren engstens mit der Unerreichbarkeit ihrer Wünsche zusammenhängt. So steht ganz unten auf der Leiter des Begehrens das, was uns allezeit in Griffweite liegt, also unsere Familienangehörigen – Mutter, Vater, Geschwister –, mit denen wir seit der Geburt bis zu unserer Reife in der ursprünglichen Welt zusammenleben. So tritt der Wunsch nach Geschlechtsverkehr mit einem Familienangehörigen in der Natur nur ausnahmsweise in Erscheinung, also wenn es keine anderen Möglichkeiten und Gelegenheiten gibt.

Etwas unerreichbarer sind Freunde, Gefährten – im Falle der Jäger sind das die meistbewunderten und erfolgreichsten Jäger. Weil aber die Emotio auch bei ihnen Schlag hat, sind auch diese in der Gesellschaft von Filito sexuell leicht erreichbar und stellen für die Emotio in der Wirklichkeit nur ein geringeres Begehren dar, das jedoch noch immer groß genug ist, damit sie im Geschlechtsverkehr mit ihnen genießen kann.

Ganz oben auf der Leiter des Begehrens stehen bei der Emotio die sexuell am schwersten zu erreichenden Partner – junge Frauen, bei denen der Instinkt das letzte Wort hat. Dieser Verstand ist schon seiner Natur nach vorsichtig, zurückhaltend und ein wenig schüchtern. Und eben das ruft bei den Menschen mit Emotio – also bei den Jägern – auch das stärkste sexuelle Verlangen hervor.
Männer, die an der Jagd nicht teilnehmen, bleiben im Lager zurück. Bei ihnen hat die Emotio keinen Schlag, und deswegen richtet sich auch ihr Begehren eher auf schwerer zu erreichende Jäger als auf Frauen aus. Diese Mitglieder der Gesellschaft können trotz ihrer Orientierung eine durchaus gleiche Lust auch im Geschlechtsverkehr mit Partnern vom anderen Geschlecht empfinden. Noch besonders anziehend finden diese Männer Frauen mit einem typisch männlichen Charakter – die Mannweiber, bei denen ebenso die Emotio Schlag hat. Auch für die letzteren sind eher die Männer, bei denen der Instinkt und/oder die Ratio den Vorrang hat/haben, also die im Lager zurückbleibenden Männer sexuell weit anziehender als die Jäger.

In Filitos Welt gibt es letztendlich auch mehrere Paare, die die wahre Liebe erfahren haben. Sie sehnen sich nur nach ihrem erwählten Partner und sind dadurch für andere unerreichbar geworden.
Wenn wir die ursprüngliche Gesellschaft auf diese Art und Weise zusammensetzen, dann gewinnen wir ein vollkommenes natürliches Gleichgewicht, in dem alles seinen Sinn und seine Bedeutung hat. Die Natur des Menschen ist ohne künstliche Regeln, ohne Verzicht, Wunschverdrängung und bewusste Enthaltung durch und durch an die vollkommene Gesellschaftsstruktur angepasst.
Wenn wir diese natürliche Handlungsweise unserer Verstände auf die moderne Gesellschaft übertragen, dann sehen wir ein, dass in unserer Welt alles auf dem Kopf steht. Die Homosexualität zählt zu den schändlichsten, mancherorts sogar verbotenen und verspotteten Sexualitätsformen. Eben aus diesem Grund kommt es in der modernen Gesellschaft zu einer Gegenwirkung, denn diese Sexualitätsform wird dadurch für die Emotio unerreichbarer als andere Sexualitätsformen. Ein in der modernen Welt Heranwachsender, der in seinem Inneren unter anderem Begehren auch dieses sonst natürliche, aber jedoch unwichtige Begehren nach den Partnern vom gleichen Geschlecht verspürt, stößt auf strenge Missbilligung, Ablehnung und vielleicht sogar Verhöhnung. Nicht selten kommt es auch vor, dass sich ein solcher Heranwachsender aus diesem Grund seines Wunsches schämt, ihn verbirgt und verneint. Daraus ergibt sich, dass dieser Wunsch eben wegen seiner Verdrängung die Oberhand über alle anderen Wünsche gewinnt. Die Folge davon ist, dass eine solche Person bei einer anderen Sexualitätsform keine Lust mehr empfinden kann. Diese Erscheinung wird heute als gleichgeschlechtliche Orientierung bezeichnet.

Das Buch [Psi] erläutert also, dass die Erscheinung der Homosexualität in der modernen Gesellschaft nichts anderes ist als eine Folge der Verneinung und Einschränkung der natürlichen Sexualität des Menschen. Ohne Verbot, Missbilligung, Hohn und Stigmatisierung eines gleichgeschlechtlichen Begehrens gäbe es überhaupt kein homosexuelles Verhalten. Jedem gesunden Menschen wäre somit die Lust im Geschlechtsverkehr mit dem anderen Geschlecht ermöglicht, und das bedeutet, dass keiner um seine Nachkommenschaft nur wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligt wäre. Weil die ursprüngliche Natur der Sexualität beim Menschen mit Hinsicht auf die Wahl der Geschlechtspartner frei ist – man kann zwischen beiden Geschlechtern wählen –, wäre die Bisexualität in einer solchen Gesellschaft dagegen noch mehr ausgebreitet, was sich auf die Annahme keinesfalls negativ auswirken würde.

Es ist eine Ironie, dass die Homosexualität heute eben von den Menschen mit einer nachdrücklichen Nichtannahme von sich selbst am meisten missbilligt und verurteilt wird, unter ihnen gibt es auch viele verdeckte Homosexuelle, die auf diese Weise ihre Natur verbergen wollen, derer sie sich schämen. Wer daran Anstoß nimmt, der soll die Tatsache nicht verkennen, dass gerade diese Menschen, von denen die Homosexualität sowohl in ihrem persönlichen Umkreis als auch in der Öffentlichkeit am entschiedensten missbilligt und verurteilt wird, zu den Stammbesuchern der Klubs für gleichgeschlechtliche Partner zählen.

Es ist jedoch nicht notwendig, dass man die Gleichgeschlechtlichkeit seiner Emotio überhaupt entdeckt, denn es gibt ja sehr viele Möglichkeiten zur Überbrückung dieses gesellschaftlich verdrängten Begehrens. Eine von ihnen liegt eben im Wandel des Konzepts der Sexualität zu „Ich bin deine Lust“, zum Konzept also, das – wie schon gesagt – bei den meisten modernen Männern zu finden ist. Bei diesem Konzept stellt sich nämlich das Begehren auf die einzige gesellschaftlich annehmbare Form des Geschlechtsverkehrs mit einem Partner vom gleichen Geschlecht – auf den Geschlechtsverkehr mit sich selbst – um. Der Partner dient einem solchen Verkehrenden nur als ein Werkzeug zur Befriedigung, indem sich die psychische sexuelle Befriedigung über die Auffassung seiner selbst als eines sexuellen Objekts, das anderen Lust ermöglicht, herstellt. Solch ein Konzept stellt für den Verkehrenden seine eigene Befriedigung dar, wobei er daran jedoch nichts Ungewöhnliches merkt, denn er hat doch Verkehr mit dem Partner vom anderen Geschlecht, was auch den gesellschaftlichen Konventionen völlig entspricht. Solche Sexualität wird bei Männern nicht selten auch durch andere Formen des verdrängten Begehrens nach dem gleichem Geschlecht begleitet, wie etwa durch den Wunsch nach Analverkehr, die Suche nach typisch männlichen Merkmalen bei der Partnerin und Eigenschaften wie Übermacht und Vorherrschaft, woraus sich der Wunsch nach sadomasochistischen Sexualitätsformen entwickelt. Auch das Begehren nach Uniform tragenden Partnerinnen, nach stark behaarten Partnerinnen oder sogar nach einem Geschlechtsverkehr mit zwei Partnerinnen kann bei einem Mann eine verdeckte Ersatzform für gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr darstellen. (Beim letzteren handelt es sich um eine Gleichgeschlechtlichkeit im psychologischen Sinne, obwohl in einer annehmbaren „weiblichen“ Variante, wobei sich der Betrachter wohl gar nicht dessen bewusst ist, dass er eher in der Auffassung des Konzepts der Gleichgeschlechtlichkeit als im Anblick der weiblichen Körpers Lust empfindet.)

Einen großen Bereich und zugleich auch eine der häufigsten Formen der Umstellung von verdrängten Bedürfnissen bildet auch das Treiben von Gruppensport. Der Einzelne kann nämlich hier eine annehmbare Form von engsten Körperberührungen mit den Vertretern des gleichen Geschlechts ausleben, jedoch ohne Penetration und Orgasmus. Dabei ist auch das Ritual des Gruppenduschens nach dem Sport nicht zu übersehen, denn es lässt sich hier sehr leicht merken, dass keiner um sich herumschaut, jedoch sehen alle alles. (Bei einer Sportlergruppe, der die gemeinsame Garderobe und der gemeinsame Baderaum unter dem Vorwand einer längeren Renovierung der Räumlichkeiten vorübergehend entzogen wurden, ließ sich eine plötzliche und beträchtliche Verschlechterung der Geschlechtsverhältnisse ihrer Angehörigen zu Hause beobachten.)

Auch in ausgeprägt männlichen Sportdisziplinen, denen sich immer mehr Frauen anschließen, lässt sich zunächst eine begeisterte Stimmung beobachten, der später ein gruppenweises Austreten der Männer folgt, obwohl die Frauen zumindest einen ähnlichen Eifer und eben so hohe Disziplin wie die Männer zeigen. Der Jäger im Mann will nämlich auf die Jagd nach wie vor in der Gesellschaft der Männer und nicht der Frauen – das hat sich seit den Zeiten der ursprünglichen Gesellschaft nicht geändert.

Und nicht zuletzt darf auch eine weitere Gruppe von Männern nicht übersehen werden, die in ihrem Konzept der Sexualität sehr wahrscheinlich eher im Geschlechtsverkehr mit sich selbst als im Geschlechtsverkehr mit ihrer Partnerin Lust empfinden. Das sind Männer, die im Fitnessstudio mit Mühe und Selbstaufopferung und nicht selten auch durch die Einnahme von besonderen Nahrungsergänzungsmitteln und Hormonpräparaten ihren Körper mit einer übertriebenen Muskelmasse aufbauen. Diese Männer bewundern in der Tat ihren eigenen Körper (beobachten Sie, wie sie sich in den im Fitnessstudio aufgestellten Spiegeln betrachten), und obwohl es sich um ihren Körper handelt, ist nicht die Tatsache außer Betracht zu lassen, dass sie noch immer die Gestalt des gleichen Geschlechts bewundern. Ein solcher Mann kann zwar Verkehr mit einer Frau haben, aber das Konzept seiner psychischen Befriedigung lautet „Ich bin deine Lust“. In Wirklichkeit geht es nicht selten auch bei diesen Verkehrenden um einen verdrängten Wunsch nach Homosexualität, dessen sie sich jedoch so sehr schämen, dass sie ihn auf den Verkehr mit ihrem eigenen Körper umstellen. Weil sie auf diese Weise keine wahre sexuelle Befriedigung gewinnen können, sehnen sie sich nach einer immer größeren Muskelmasse und damit auch nach noch größerer „Männlichkeit“. Das kann zur Sucht und in einen Teufelskreis führen, der oft nur so zu durchbrechen ist, dass man sich selbst verletzt oder dass der Geschlechtstrieb (nicht nur infolge eingenommener Präparate) völlig versagt.

Mit Nachdruck ist darauf hinzuweisen, dass bei all diesen Beschreibungen komplizierte psychologische Vorgänge vorliegen, die den meisten Menschen gar nicht bewusst sind. Bei einer Konfrontation mit den Tatsachen würden sie daran nichts anderes als Anstoß empfinden und wären zudem zutiefst von der Irrigkeit dieser Erklärung überzeugt. Wenn von verdeckten Formen des sexuellen Verlangens die Rede ist und der vielerlei Art und Weise, auf die sich dieses Verlangen seinen Weg zur Oberfläche bahnt, dann stellt sich manch einer vor, dass es sich um Empfindungen handelt, deren sich der Einzelne zwar bewusst ist, die er aber verbirgt, weil er sich ihrer schämt. Die meisten dieser Mechanismen bleiben unserem Bewusstsein durchaus verborgen, sodass auch die meisten dieser Menschen nicht fühlen, dass mit ihrer Sexualität irgendetwas anders oder sogar nicht in Ordnung wäre. Es lässt sich aber durch eine eingehendere Untersuchung Einblick in die oben besprochenen Zusammenhänge nehmen und auf sie hinweisen.

Eine weitere Frage, die sich hier stellt, ist die Frage, was für einen Sinn das bisexuelle Verhalten in der ursprünglichen Gesellschaft hat.

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich, wenn wir uns die Erfahrung der Sexualität bei Frauen anschauen, die an der Jagd nicht teilnehmen und im Lager zurückbleiben. Bei diesen Frauen hat vor allem der Instinkt das letzte Wort, und das heißt, dass ihre Grundtriebfeder in der Sexualität nicht dieselbe wie bei den Männern ist. Die Rolle bei der Partnerwahl und beim Einlassen auf Sex kommt in diesem Fall dem Instinkt zu, und das heißt, dass es zum Koitus und zur Lust der Emotio nur nach einer vorangehenden Einwilligung seitens des Instinkts kommt. Dieser wird jedoch nicht durch den Wunsch nach Lust, sondern durch das Bedürfnis nach Sicherheit, Familie und Vertrauen geleitet. Erst der Mann, dem es gelingt, den Schutzmantel der vorsichtigen Natur des Instinkts zu durchbrechen und dessen Vertrauen zu gewinnen, wird seine Erlaubnis für den Zugang zur Lust der Emotio in der Sexualität erteilt bekommen. Der Weg zur Lust ist bei Frauen aus diesem Grund viel länger als bei Männern, bei denen die Emotio ihre Entscheidung augenblicklich treffen und ihrem Begehren folgen kann. Weibliche Natur verbirgt noch eine weitere Besonderheit – weil hier der Instinkt die Tür zur Sexualität öffnet, kommt es bei diesen Frauen zu keiner homosexuellen Befriedigung der Bedürfnisse, denn andere Frauen werden vom Instinkt als Konkurrenz aufgefasst. Das ist auch der einzige Grund, warum der Lesbianismus in der modernen Gesellschaft leichter annehmbar ist als die gleichgeschlechtliche Orientierung der Männer – er stellt nämlich für die Ratio keine Bedrohung dar, denn in der ursprünglichen menschlichen Natur kommt er bei den meisten Frauen überhaupt nicht vor.

Bei einer kleineren Frauengruppe im Lager hat die Ratio den Vorrang. Für diesen Verstand ist die Sexualität nichts anderes als eines der Mittel zur Erreichung von Zielen. Der Schlüssel zur Sexualität ist bei diesen Frauen anders, und es kommt dabei der Berechnung ein größerer Stellenwert zu. Diese Frauen werden im Lager als Frauen dargestellt, die ihre sexuellen Dienstleistungen gegen Güter tauschen, was in der modernen Welt für die Prostitution kennzeichnend ist.

Nun lässt sich einsehen, dass nicht der einzige Sinn der Sexualität in der Lust liegt, sondern dass sie in Wirklichkeit verschiedenen Zwecken dient, unter denen Vertiefung von Verhältnissen, Entspannung und Eingehen von Bündnissen im Vordergrund stehen. Und eben diese Aufgabe nimmt die Sexualität auch unter den Jägern wahr.

In dem zwischen Männern und Frauen bestehenden Unterschied im Denken und der Auffassung der Sexualität steckt auch der Grund dafür, dass eine demokratisch verfasste Gesellschaft von Männern geführt wird. Sie fühlen nämlich keine solche sexuelle Konkurrenz wie Frauen und bestätigen leicht die Führer vom gleichen Geschlecht. Die Natur der Frauen ist dagegen anders, und sie bestätigen bei den Wahlen keine sexuell anziehenden Frauen, denn diese werden von ihnen unter dem Einfluss des Instinkts als Konkurrenz wahrgenommen, was freilich nichts anderes als Furcht davor ist, dass sie ihnen ihren Mann wegnehmen würden. Das Gesagte gilt im Gegenteil nicht für die Mannweiber, bei denen die Emotio Schlag hat. Sie handeln durchaus nach dem männlichen Denkprinzip, und das führt sie in der modernen Gesellschaft oft zum Lesbianismus. Solche Frauen wären in der ursprünglichen Gesellschaft zweigeschlechtlich orientiert gewesen, aber der im Zusammenhang mit den Jägern dargestellte Prozess bringt auch sie zu einem Zustand, in dem sie um die Lust in der Sexualität mit dem anderen Geschlecht (und damit auch um Nachkommenschaft) benachteiligt sind. An dieser Stelle ist auch Folgendes zu unterstreichen: Wegen des Nichtverständnisses der ursprünglichen Natur und der damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Mechanismen ist die moderne Gesellschaft gegenüber den Frauen, bei denen die Emotio Schlag hat, ungerecht. Ihre Möglichkeiten sind heute wirklich nicht den Möglichkeiten der Männer gleich, und deswegen haben die Kämpferinnen um Frauenrechte mit ihren Forderungen nach einem Wandel der Gesellschaft meistens recht. Die Verfassung der Welt von Filito ist dieser Gruppe weit mehr zugetan – der aufmerksame Leser wird feststellen, dass sie in der ursprünglichen Welt eigentlich all das haben, wofür sie sich heute einsetzen.

In der modernen Gesellschaft wird die Anzahl der Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts mit der für den Instinkt typischen Verhaltensweise immer kleiner. Die Ratio redet uns nämlich ein, dass Vorsicht, Zurückhaltung und Schüchternheit unerwünschte Merkmale sind. Die Frauen werden zur typisch männlichen Denkweise angespornt, und ihr Interesse wird auf männliche Berufe und Sportarten gelenkt. Die moderne Frau ist sexuell aggressiv geworden und ergreift die Initiative, was auf Männer beängstigend und abstoßend wirkt. Andererseits werden die Männer gelehrt, dass die Rationalität den Vorrang vor der Spontaneität und die Zärtlichkeit den Vorrang vor der Entschlossenheit hat. In der modernen Gesellschaft versucht nämlich die Ratio, die Frauen in Männer umzuwandeln, die Männer umgekehrt in Frauen, wodurch sie sich in Wirklichkeit bemüht, das gegenseitige Begehren der beiden Geschlechter zu unterdrücken. Dabei folgt sie nur einem einzigen Ziel – auf diese Weise verliert sich die geschlechtliche Orientierung der Emotio, und folglich nimmt auch ihre Macht ab.

In Filitos Welt kennt man verschiedene Sexualitätsformen, die sich durch psychologische Konzepte der Sexualitätserfahrung voneinander unterscheiden. In der modernen Welt kennen die meisten Menschen dagegen nur eine Form des sexuellen Empfindens, die sich mit Hinsicht auf den Geschlechtspartner oder die Art und Weise des Geschlechtsverkehrs weitergliedert. Eine der schon durchaus verloren gegangenen Empfindungen in der Sexualität ist das Lieben. So wie die wahre Liebe in der modernen Welt verloren gegangen ist, ist auch das Lieben verschwunden, das sich in der Tat mit keiner anderen Sexualitätsform vergleichen lässt. Der Ausdruck Lieben wird heute nicht mehr richtig angewandt, denn es wird darunter nur der bloße Geschlechtsakt verstanden. (Dieser Ausdruck wird im Allgemeinen nur von jenen angewandt, die glauben, dass dadurch ein nachdrücklich sinnlicher Ansatz zum Geschlechtsakt bezeichnet wird.) Die meisten Menschen bejahen die Frage, ob sie sich mit der Person, zu der sie sich sexuell angezogen fühlen, lieben können. Dabei denken sie an die sinnliche Form des Ansatzes zur Sexualität, vielleicht mit einem längeren Vorspiel und mehr Liebkosung während des Aktes. Auf die Frage, wie oft sie sich lieben wollten, antworten die meisten Befragten, dass sie das jeden Tag tun wollten. Das hat jedoch keinen Zusammenhang mit dem Lieben, von dem Filito spricht. Das Lieben kann nämlich nicht bewusst erfolgen, denn es handelt sich dabei um ein inniges Verhältnis zwischen zwei Personen, die die wahre Liebe erkannt haben. Das Lieben ist nur innerhalb einer solchen Verbindung möglich. Die meisten Leser sind an dieser Stelle wohl überzeugt, dass sie verstehen und wissen, wovon hier die Rede ist, dass sie diese Gefühle kennen und sie einmal auch selbst erlebt haben. Aber diese Sexualitätsform wird heute nicht einmal von einem Prozent der Menschen in ihrem ganzen Leben erkannt. Es geht nämlich um eine völlig andere, psychologische Erfahrungsform der Sexualität, eine Form, die so tief ist und sich mit allem anderen nicht vergleichen lässt, sodass der Partner danach keinen Wunsch mehr nach irgendeiner anderen Sexualitätsform hat. Beide Partner erfahren während des Liebens eine Sexualität, bei der sie nicht nur zwei Körper, sondern auch zwei Welten vereinigt haben. Dadurch wird den beiden in der Tat auch ihre Treue gesichert, denn sie werden gegen alle anderen von außen kommenden sexuellen Reize vollkommen gefeit. Auch wenn sich ein solcher Partner bewusst zum Geschlechtsverkehr mit einem anderen Partner zwingen würde, wäre er über den Geschlechtsakt ungeachtet der Anziehungskraft und der Fertigkeiten des anderen Partners zutiefst enttäuscht. Das Lieben zeichnet sich auch durch eine viel tiefere sexuelle Befriedigung aus, was dazu führt, dass solche Paare etwas seltener Verkehr haben. (Das darf freilich nicht mit mangelndem sexuellem Verlangen oder dessen Verlust verwechselt werden!)

Wegen falscher Sexualitätsvorstellungen erfahren viele Heranwachsende heute die Sexualität nicht als Lust, sondern eher als Leistung. Auf diese Weise führt die Sexualität eher zur Erschwerung und Komplizierung unserer Beziehungen als zu ihrer Vertiefung und zur gegenseitigen Annäherung unserer Welten. Von Hauptbedeutung ist dabei das Bewusstsein, dass für die Emotio jede Sexualitätsform annehmbar ist, die beiden Partnern annehmbar und erwünscht ist. Sexuell aggressiv wird nur die sich selbst nicht annehmende Emotio, und das ist für die Gesellschaft nicht annehmbar. Deswegen wird eine solche Form des Sexualverhaltens abgelehnt, und die Einzelnen können folglich auch aus der Gesellschaft ausgestoßen werden. Die sich selbst annehmende Emotio sucht und wünscht den Geschlechtsverkehr dort, wo das Begehren gegenseitig und nicht nur einseitig ist. Das scheint auf den ersten Blick ihrer Sehnsucht nach Unerreichbarem zu widersprechen, aber es ist dabei jedoch nicht zu vergessen, dass ihr Wunsch durch diese Unerreichbarkeit nur gesteigert wird, indem sie nur den Wunsch hegt, dadurch ihre eigene Welt vorzustellen. Und dabei sucht sie nach Bewunderern und nicht nach gezwungenen Besuchern.

Wir haben keinen unmittelbaren Einfluss auf unsere Wünsche und Begehrlichkeiten und dürfen uns ihrer ungeachtet dessen, wie sie sind, nicht schämen oder sie verneinen. Gleiches gilt auch für andere, und deswegen dürfen wir auch die Wünsche des anderen nicht verspotten oder verurteilen. Es ist jedoch jedes Aufdrängung des Begehrens einem anderen, der nicht das Gleiche fühlt und wünscht, abzulehnen und zu unterbinden.

Dem anderen den Wunsch des eigenen Begehrens zu zeigen ist weder schändlich noch respektlos. Jede Emotio sieht gern, dass sie erwünscht ist, und deswegen empfindet sie jede ehrerbietige Äußerung des Begehrens als Schenkung. Zugleich darf die Ablehnung der Sexualität für keinen eine Schwierigkeit darstellen, denn das bedeutet doch nicht, dass uns eine andere Person keine Achtung entgegenbringt oder unsere Welt für minderwertig hält. Wer sich selbst annimmt, der ist sich auch darüber im Klaren, dass die einen Welten mehr und die anderen weniger harmonisch sind. Wir haben keine unmittelbare Kontrolle über Wünsche und Begehrlichkeiten, und deswegen sind auch Ablehnungen keine Sache unseres Willens, sondern nur Ausdruck der Achtung der eigenen Welt. Die Ablehnung wird von einer Person, die sich selbst annimmt, mühelos verstanden und angenommen. Diese Person empfindet dabei weder Enttäuschung noch Wut. Das Begehren der Emotio hängt auch von der jeweiligen Stimmung ab, und deswegen kann die Ablehnung auch lediglich augenblicksbedingt und vorübergehend sein.

Die Emotio drückt ihr sexuelles Verlangen nie in Worten aus, und der Geschlechtsverkehr zwischen den Partnern fängt für sie schon weit früher an, bevor es zum Geschlechtsakt selbst kommt.

Das Verständnis der in Filitos Geschichte dargestellten Natur der Sexualität beim Menschen ist auch für das Verständnis von Gesellschaft, zwischenmenschlichen Beziehungen und eigener Annahme von Bedeutung. Es wird wohl eben das Verständnis dieses Buchkapitels bei manchem zu einem Wandel in seiner Auffassung der Beziehungen, der Gesellschaft und des Lebens führen.
Wer die Natur der Sexualität bei der Emotio kennenlernen will, der hat aus seiner Welt der Sexualität alle Ängste, Verbote, Pläne und Erwartungen zu beseitigen. Das bedeutet jedoch noch nicht, dass seine Sexualität kopf- und verantwortungslos werden soll. Deswegen sind der Instinkt und die Ratio bei Partnerwahl und Anwendung der Mittel zur Verhütung von Empfängnis und übertragbaren Geschlechtskrankheiten auf keinen Fall auszuschließen. Es gilt auch zu beachten, dass das Gebot, nach dem man sowohl seine eigene Welt als auch fremde Welten achten soll, sowohl in der Natur eines sich selbst annehmenden Menschen liegt als auch den drei Gesetzen des Lebens entspricht. Das bedeutet, dass jeder Geschlechtsverkehr gewünscht und in den beiden Welten abgestimmt sein soll.

Wer die Natur der Sexualität bei der Emotio annimmt und achtet, der wird durch grenzenlose Lust und Schönheit des Lebens belohnt.

Bauarbeiten im Gange.

EIN BUCH, DAS SIE SO NIE GELESEN HABEN

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Mehr als 30.000 Exemplare weltweit verkauft

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